Von John Pienaar

Ganz entsetzlich ... einfach widerwärtig.“ Eine stattliche Gestalt – die von Nicholas Soames, einem Enkel Winston Churchills und Abgeordneten der Konservativen – ist ins Unterhaus geschlendert und betrachtet mit aristokratischer Verachtung das Drum und Dran der Fernsehübertragungsanlage. Die Deckenleuchten, eingehüllt wie chinesische Lampions, scheinen ihn besonders abzustoßen. „Mein Gott, was ist das denn?“ will er wissen und marschiert, unter Kopfschütteln, aus dem Saal.

Auch wenn Mr. Soames und andere Abgeordnete grollen – es ist nahezu sicher, daß die Fernsehkameras im Unterhaus nach der achtmonatigen „Probezeit“ als ständige Einrichtung bleiben. Wenn Königin Elisabeth am 21. November die neue Sitzungsperiode eröffnet, wird nach mehrmonatiger Verzögerung der Beschluß vom Februar vergangenen Jahres schließlich Wirklichkeit. Mr. Soames und seine Gesinnungsgenossen werden sich dann mit der Klage zu Wort melden, der traditionelle Charakter der „Mutter des Parlaments“ sei verdorben worden. Ihre Gegner werden kontern, die Entblößung des Unterhauses vor den scharfen Augen des Fernsehens sei seit Jahren überfällig.

In Wirklichkeit sind dem Fernsehen solche Beschränkungen auferlegt wurden, daß dem Zuschauer das wahre Bild des parlamentarischen Ablaufs verborgen bleibt. Nach den Regeln, die von einem Sonderausschuß von Abgeordneten aufgestellt wurden, dürfen nur Kopf und Schultern des redenden Abgeordneten oder Ministers gezeigt werden. Aufnahmen von Reaktionen der anderen Abgeordneten, nicht selten das Beste der Debatten, sind untersagt. Beim ersten Anzeichen von Unruhe im Saal muß die Kamera auf den Speaker (den Parlamentspräsidenten) gerichtet werden. Für die Fernsehleute und ihre Sympathisanten im Unterhaus ist in diesen Regeln die Absicht versteckt, das Experiment dem Zuschauer so langweilig wie möglich darzustellen. Die Abstimmung von 318 zu 264 war denn auch eine Niederlage für Mrs. Thatcher, die die Kampagne zur Aussperrung der Kameras anführte. Mrs. Thatcher hatte im Februar 1988 argumentiert, daß eine Fernsehübertragung des schlechten Benehmens der Abgeordneten das Parlament selbst in Verruf bringen würde.

Es war ein Argument, mit dem bereits zehn Unterhausdebatten bestritten wurden, seit Aneurin Bevan, damals Labour-Führer, seine Kollegen im Jahre 1959 mit diesem Vorschlag überraschte. „Ich weiß, daß die Herren Kollegen den Kopf schütteln, aber warum denn so schüchtern?“ hatte er damals gefragt. „Ich schlage doch nur vor, daß wir hier und heute ernsthaft prüfen sollen, ob wir nicht wieder eine vernünftige Verbindung zwischen dem Unterhaus und der Wählerschaft als ganzer herstellen wollen.“ Nicht nach Ansicht seiner Gegner, die den Antrag in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren mit schöner Regelmäßigkeit abschmetterten, bis sie dann im vergangenen Jahr überstimmt wurden.

Nichts an dieser Auseinandersetzung ist neu. Noch nach der Einführung der parlamentarischen Berichterstattung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durften die Journalisten nur auf die Besuchergalerie. Eine Pressegalerie wurde erst Jahrzehnte später, 1835, im Unterhaus errichtet, und zwölf Jahre später im Oberhaus, doch nur die Londoner Presse durfte sie besetzen; die Provinzblätter mußte auf dieses Recht bis 1881 warten. Die Journalisten wurden häufig gezwungen, Leute mitzubringen, die mitschrieben oder sich alles genau merken sollten, damit ein annähernd getreuer Bericht der Debatte gewährleistet war.

Nun stehen die Politiker unter dem Zwang, sich mit den Konsequenzen der Entscheidung auseinanderzusetzen. Unlängst schritt Margaret Thatcher in ein verlassenes Unterhaus und machte sich daran, an ihrem Auftritt an der dispatch box, von wo aus die Minister zu den Abgeordneten sprechen, zu feilen. Die Premierministerin hatte einen kleinen Monitor vor sich und schaute einmal in eine, dann in eine andere Richtung, um auszuprobieren, welchen Eindruck sie macht, wenn ihr Duell mit Neil Kinnock, dem Labour-Führer, zweimal die Woche in die Wohnstuben der Nation übertragen wird.