Gesundheitsrisiken am Arbeitsplatz sind immer schwieriger nachzuweisen

Von Marie-Luise Hauch-Fleck

Glaubt man der Statistik, hat sich der Arbeitsschutz in der Bundesrepublik prächtig bewährt. Wurden 1960 noch 9622 Arbeitnehmer Opfer einer Berufskrankheit, so hat sich die Zahl 1988 auf nur noch 3674 Fälle verringert. Der Arbeitgeberseite dienen die Angaben als Beweis für den Erfolg ihrer Vorsorge- und Schutzmaßnahmen sowie für die Schlagkraft des Systems der gesetzlichen Unfallversicherung. Die Gewerkschaften allerdings interpretieren die Statistik ganz anders. In Wirklichkeit sei die Zahl der Berufskrankheiten keineswegs zurückgegangen, sondern gestiegen. Rückläufig sei lediglich die Zahl der anerkannten Fälle.

Tatsächlich klafft seit Beginn der sechziger Jahre die Schere zwischen angezeigten und anerkannten Fällen immer weiter auseinander. Wurden 1960 von 35 262 angezeigten Krankheiten immerhin fast dreißig Prozent entschädigt, wurden im vergangenen Jahr von 45 335 Verdachtsfällen nur noch knapp zehn Prozent anerkannt.

„Die meisten Opfer werden um ihre Ansprüche gebracht“, kritisiert der Leiter der Abteilung Arbeitsschutz beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), Reinhold Konstanty, die Situation. Vor allem zwei Ursachen sind nach Ansicht des DGB-Funktionärs dafür verantwortlich: eine hohe Dunkelziffer nicht erkannter Berufskrankheiten und „Mißstände der berufsgenossenschaftlichen Entschädigungspraxis“ .

So schätzt das DGB-Referat Arbeitsschutz, Arbeitsumwelt, Arbeitsmedizin und Unfallversicherung aufgrund eigener Forschungen, daß von insgesamt 130 000 jährlichen Krebstodesfällen in der Bundesrepublik rund 30 000 im „Zusammenhang mit Einwirkungen in der Arbeitsumwelt stehen“.

Mit ihrer Schätzung liegen die DGB-Fachleute zwar ungewöhnlich hoch. Doch auch in der Wissenschaft werden immer mehr Stimmen laut, die die ständig steigende Zahl von Krebserkrankungen zumindest teilweise auf den Umgang mit schädlichen Stoffen am Arbeitsplatz zurückführen. „In unserem Industriezeitalter gehen Individuum und Umwelt vielschichtige Beziehungen ein. Unter ihnen kommt der Einwirkung von Krebsgiften am Arbeitsplatz zweifellos eine in mehrfacher Hinsicht herausragende Bedeutung zu“, glaubt beispielsweise der Leiter des Instituts für Arbeits- und Sozialmedizin an der Universität Gießen, Hans-Joachim Woitowitz.