Von Klaus-Peter Schmid

Freitag, 13. Oktober 1989 – was war da gleich wieder? Richtig, ein ausgewachsener Börsenkrach mit weltweiten Kurseinbrüchen, die vorübergehend die Finanzwelt in Panik versetzten. Doch einen Monat später reden nur noch die Anlageexperten von diesem Ereignis. Die Industrieländer haben den Schock weggesteckt, Probleme für die Zukunft verbindet niemand mit dem Schwarzen Freitag.

Dabei ist es gerade zwei Jahre her, daß ein ähnlich brutaler Schock die Weltbörsen erschütterte. Am 19. und 20. Oktober 1987 sanken die Aktienkurse in den USA um achtzehn Prozent, in Japan um siebzehn Prozent und in der Bundesrepublik um elf Prozent. Prompt geriet auch der Dollar ins Trudeln und wurde bis zum Jahresende um annähernd sieben Prozent abgewertet.

Die Politiker ahnten Schlimmes. So prophezeite der FDP-Vorsitzende Otto Graf Lambsdorff: "Ich sehe zwei Jahre heraufziehen, in denen wir es wirtschaftlich schwieriger haben werden, als wir es bisher erwartet haben. Das ist eine sehr zurückhaltende und sehr vorsichtige Formulierung." Gleichzeitig forderten 25 deutsche Wirtschaftswissenschaftler: "Die Wirtschaftspolitik muß handeln, sofort." Dagegen hält Ernst-Moritz Lipp, Chefökonom der Dresdner Bank, heute den Hinweis für ausreichend, "daß der Aktienmarkt eben kein Spielkasino ist". Der Ruf nach politischen Stabilisierungsmaßnahmen ist weit und breit nicht zu hören.

Es ist erstaunlich, wie wenig Störungen und Spannungen den Gang der Weltwirtschaft in den vergangenen Jahren behindert haben. Zu zwei Crashs kam eine immer noch latente Schuldenkrise, die 1982 die Finanzbeziehungen zwischen armen und reichen Ländern aus den Angeln zu heben drohte und zeitweise das Funktionieren des Bankensystems weltweit gefährdete. Gewachsen sind die weltweiten Ungleichgewichte, vor allem im Handel, beim Wohlstand, in der Bevölkerungsentwicklung.

Und dennoch: Zur Lage der Weltwirtschaft ist fast nur Gutes zu vernehmen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) verkündete in seinem Jahresbericht für 1989: "Auf der außenwirtschaftlichen Seite war das stärkste Wachstum des Welthandelsvolumens innerhalb eines Jahrzehnts zu verzeichnen." Es wuchs 1988 um über neun Prozent, der höchsten Zuwachsrate seit 1976. Gleich frohe Kunde verbreitete das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in diesem Herbst: "Der zügige Anstieg von Produktion und Beschäftigung in fast allen Industrieländern dauert an. Eine ähnlich gute Wirtschaftsentwicklung bei nur mäßigem Preisauftrieb hat es seit Beginn der siebziger Jahre nicht mehr gegeben."

Daß die Weltwirtschaft auf vollen Touren läuft, ist offensichtlich. Die Erfolgsstory zu erklären fällt indes schwer. "Einen Generalnenner gibt es nicht, viele Einzelfaktoren haben in die gleiche Richtung gewirkt", analysiert Jörg Beyfuß vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Klaus Wieners, Experte der Westdeutschen Landesbank, bleibt ähnlich vage: "Wenn man es auf einen Satz reduzieren soll: Dies ist das Ergebnis vernünftiger Wirtschaftspolitik."