Abgase machen den Wald teils krank, als Dünger lassen sie ihn andererseits schneller wachsen

Von Hans Schuh

Der diesjährige Waldschadensbericht der Bundesregierung lag noch nicht vor, da gab es bereits Krach um dessen Interpretation. Als "einen handfesten Skandal" wertete es der umweltpolitische Sprecher der Grünen, Wilhelm Knabe, daß die Bundesregierung mit "Taschenspielertricks" versuchte, das amtliche Waldschadensbild von 53 Prozent erkrankter Bäume herunterzudrücken auf 15,9 Prozent. Der vermutete statistische Trick: Künftig solle bei der Klassifizierung die Schadstufe 1 zu einer Vorwarnstufe verniedlicht und aus der Gruppe der erkrankten Bäume herausgenommen werden. Knabe attestierte der Bundesregierung auf einer Pressekonferenz Anfang November, sie sei mit ihrem Programm zur Rettung des Waldes gescheitert und müsse das zweitschlechteste Ergebnis seit der bundesweiten Erfassung des Waldzustandes vorlegen. Besonders dramatisch sei die Situation bei den älteren Laubwäldern, in denen bis zu neunzig Prozent der Buchen und Eichen Schadsymptome zeigten.

Doch Georg Gallus, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (BMELF), holte bei der Präsentation der bundesweiten Schadenserhebung am vergangenen Donnerstag die heilige Kuh namens Wald vom umweltpolitischen Eis: Im Vordergrund des Berichtes stünden zwar "entsprechend den Empfehlungen des Forschungsbeirates ‚Waldschäden/Luftverunreinigung‘ die Schadstufen zwei bis vier, also die mittleren und starken Schäden". Daneben würden in dem Bericht "auch die Schadstufen Null und eins dargestellt". Von einer Beschönigung könne also "auf keinen Fall gesprochen werden". Vielmehr bestehe "das hohe Schadensniveau der Vorjahre nach wie vor in aller Schärfe fort". Entsprechend lauteten auch die Schlagzeilen: "Mehr als die Hälfte des Waldes ist krank", so die Süddeutsche Zeitung.

Die diesjährige Waldschadenserhebung ist ein Musterbeispiel dafür, wie grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse unter den Teppich gefegt werden, weil sie unbequem sind. Alle politischen Parteien versuchen derzeit, sich auf dem populären Felde des Umweltschutzes gegenseitig zu überbieten – und deshalb wagt kein Politiker zu formulieren, was die Spatzen längst von den Dächern der forstwissenschaftlichen Institute pfeifen: Das Ausmaß der Waldschäden wurde in den vergangenen Jahren überschätzt, das Bild von bundesweit dahinsiechenden Forsten ist korrekturbedürftig. Vielerorts trifft, horribile dictu, sogar das Gegenteil zu: Infolge der Düngung via Luftverschmutzung wächst der Wald so üppig wie nie zuvor. Die Emissionen aus Industrie, Verkehr und Landwirtschaft treiben die Forsten in eine Wachstumsschere: Während karge und basenarme Böden zunehmend versauern (vor allem in den Höhenlagen) und dort der Wald in alarmierender Weise dahinsiecht, wachsen die Bäume im Vergleich zu früheren Jahrzehnten auf vielen ehemals stickstoffarmen Standorten im Rekordtempo.

Unbequeme Erkenntnisse

Bereits im vergangenen Jahr hatten Wissenschaftler gefordert ("Mythenreiches Waldsterben", DIE ZEIT Nr. 48, S. 92), daß künftig die Schadstufe 1, die mehr als zwei Drittel aller "kranken" Bäume umfaßt, neu interpretiert werde. Denn das Hauptkriterium für die Beurteilung des Gesundheitszustandes sind Nadel- oder Blattverluste der Bäume – ein recht oberflächliches und umstrittenes Merkmal. Beträgt dieser Verlust weniger als zehn Prozent im Vergleich zu einem gesunden Baum, dann gilt der Prüfling als wohlauf (Schadstufe 0). Hat er sich zu 11 bis 25 Prozent entblättert oder entnadelt, dann wird er als "schwach geschädigt" der Schadstufe 1 zugeordnet. Als "mittelstark geschädigt" (Schadstufe 2) gelten Kandidaten mit 26 bis 60 Prozent Nadel-/Blattverlust. Darüber hinausgehende Kalamitäten gehören in die Schadstufe 3, abgestorbene Bäume schließlich in die Schadstufe 4.