Von Helga Hirsch

Warschau, im November

Als auf den Bildschirmen die Menschen erschienen, wie sie, auf der Berliner Mauer zwischen Ost und West tanzend, singend, Champagner trinkend, ihre neue Freiheit feierten, da konnte sich kaum ein polnischer Bürger seiner Rührung erwehren. "Meine Mutter hat im Untergrund gegen die Faschisten gekämpft", erzählt eine junge Frau. "Aber als sie die Deutschen nun die Grenze überschreiten sah, da standen ihr die Tränen in den Augen."

Die Erleichterung über das Ende der stalinistischen Herrschaft war stärker als das alte antideutsche Ressentiment, und im ganzen Land wuchs eine bisher völlig unbekannte Neugier auf die DDR. Da trat selbst in Polen der lange vorbereitete und so herbeigesehnte Besuch von Bundeskanzler Kohl in den Hintergrund. "Europa ohne Mauer", triumphierte die Tageszeitung Gazeta Wyborcza. "In Berlin, dem Herzen Europas, siegte die Freiheit über den Stacheldraht."

Die DDR ist zu einem unerwarteten Verbündeten bei der Demokratisierung Europas geworden. Das auch emotional zu akzeptieren, kostet die Polen allerdings einige Überwindung. Sahen sie doch in den DDR-Bürgern weit mehr als in den Westdeutschen die Erben preußischer Traditionen: mit Dünkel behaftet, befangen in obrigkeitsstaatlichem Denken, duckmäuserisch und ohne Zivilcourage. All das soll nun der Vergangenheit angehören? Die Haltung der Polen ist ambivalent. In die Freude über das Ende der Teilung Europas mischt sich die Sorge über neue Bedrohungen. Bringe eine Versöhnung zwischen beiden deutschen Staaten, so die Frage eines Danziger Parlamentsabgeordneten an Bundeskanzler Kohl, nicht auch Risiken für die polnische Westgrenze? Als Vorwärtsverteidigung ließ die polnische Regierung erklären, zu einer eventuellen Wiedervereinigung Deutschlands bedürfe es auch des Placets der ehemaligen Siegermächte sowie der Nachbarstaaten. "Wir haben viel Verständnis für deutsche Ziele", erklärte Außenminister Krzysztof Skubiszewski. "Aber wir wollen einen guten Nachbarn, der unsere Grenzen nicht in Frage stellt."

Für den Durchschnittspolen aber ist die Vereinigung eine logische Konsequenz der deutschdeutschen Annäherung. "Warum fordern die Deutschen nicht sofort die Wiedervereinigung?" fragt verwundert ein hoher Gewerkschaftsfunktionär von Solidarnosc. "Eine Nation gehört doch zusammen!" Dieser polnischen Logik erscheint das deutsche Zaudern unverständlich: Was sind das überhaupt für Deutsche, für die die Nation nicht an der Spitze aller Werte steht, die eine getrennte DDR-Staatlichkeit erhalten wollen und zu Teilen sogar weiter mit dem Sozialismus sympathisieren? Warum ist bei den Deutschen alles so ganz anders als bei den Polen? Das Wissen über die beiden deutschen Staaten in Polen ist begrenzt und selektiv. In der älteren Generation, die lange vom westlichen Informationsfluß abgeschnitten war, blieb vor allem die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg haften, und die kommunistische Propaganda nährte aus ideologischen Gründen das Bild vom Deutschen als ewigem Feind, um das Bündnis mit der Sowjetunion zu rechtfertigen. Die junge Generation fährt in den letzten Jahren zwar massenweise in die Bundesrepublik und nach West-Berlin, aber dort interessiert sie das Geldverdienen und nicht das neue Selbstverständnis der Deutschen. "Wir sind provinzieller als vor zehn, fünfzehn Jahren", urteilt ein Warschauer Geschichtsprofessor. "Die Schwierigkeiten des Alltags haben unser Interesse an der Außenwelt erlahmen lassen. Wir haben uns dem Fremden gegenüber verschlossen." So war es kein Zufall, daß die Tagesschau am vergangenen Sonntag erst über die Teilnahme von Ministerpräsident Mazowiecki und Bundeskanzler Kohl am Gottesdienst in Kreisau, über Lech Walesas Besuch in Toronto, die Heiligsprechung des Mönches Albert in Rom und die Rückkehr des polnischen Parlamentspräsidenten aus der Schweiz berichtete, bevor sie sich den Hunderttausenden von DDR-Bürgern zuwandte, die an diesem Wochenende in einem Freudenrausch die deutsch-deutsche Grenze überschritten.

Das Denken ist polenzentriert – verständlich aufgrund der Vergangenheit, aber hinderlich bei der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft. Unter der kommunistischen Herrschaft schottete sich die Gesellschaft gegenüber der sozialistischen Realität ab und zehrte von der Geschichte; jetzt tut sie sich schwer mit der Öffnung nach außen und der Aufnahme fremden Gedankenguts. Was intellektuell oder emotional das Schema bedroht, wird verdrängt oder mit Verachtung bestraft. In der DDR streiten immer noch Menschen für einen besseren Sozialismus? Diese Illusion haben wir spätestens 1956 aufgegeben. Mit der Wiedervereinigung sind etliche Deutsche nicht einverstanden? Sie kommt wie das Amen in der Kirche. Erst allmählich behaupten Kommentatoren die tatsächliche gegen die erdachte Wirklichkeit: "Als die Protestwelle in der DDR schon relativ weit fortgeschritten war, entdeckte ich etwas, was man als Gefühl einer DDR-Identität bezeichnen könnte", schrieb der katholische Publizist Wojciech Wieczorek in der Regierungszeitung Rzeczpospolita. "So fühlten Menschen aus der demokratischen Opposition, die unter der Losung ‚Wir wollen nicht ausreisen‘ demonstrieren, die die DDR als eigenen Staat behandeln, der grundlegend reformbedürftig ist."