Von Hans Harald Bräutigam

München

Ruhm wird vom Neid begleitet. Daß diese alte, elende Wahrheit, vom römischen Biographen Cornelius Nepos schon vor 2000 Jahren beschrieben, immer noch gilt, hat in diesen Tagen auch der Münchner Arzt Hans Jäger erfahren müssen. Der 42jährige Aids-Experte, Assistenzarzt im Schwabinger Krankenhaus, mußte sich zum 1. Oktober 1989 von seinen Aids-Patienten, seinen Mitarbeitern und der von ihm aufgebauten Aids-Ambulanz verabschieden. Ihm wird vorgeworfen, mit den ihm zur Verfügung gestellten Mitteln nicht korrekt umgegangen zu sein.

Sang- und klanglos sollte er das Feld räumen, die fristlose Kündigung seines Arbeitsverhältnisses auf diese Weise in eine fristgerechte in „beiderseitigem Einvernehmen“ umgewandelt werden. Doch es blieb nicht sang- und klanglos. Wie konnte man auch erwarten, daß der Weggang eines wegen seiner ärztlichen und wissenschaftlichen Leistung so renommierten Experten sich in aller Stille vollziehen könnte. Schon wenige Tage nach dem Abschied von Hans Jäger sorgte Die Abendzeitung mit Schlagzeilen wie „Vertuscht die Stadt Skandal an Aids-Klinik – es geht um 350 000 Mark“ oder „Der Fall Jäger: Kronawitter schaltet den Staatsanwalt ein“ für Wirbel und rückte Hans Jäger und seine Arbeit damit in ein sehr schiefes Licht.

Obwohl – oder weil – er tüchtig war, war Hans Jäger nicht gerade beliebt. 1981 hatte er sich im berühmten New Yorker Sloan Kettering Krebsinstitut weitergebildet und dort erste Erfahrungen im Umgang mit Aids-Kranken sammeln können. Als die Immunschwächekrankheit 1983 auch in München die ersten Opfer forderte, kehrte Hans Jäger in sein altes Schwabinger Krankenhaus zurück. Aufgrund seiner New Yorker Erfahrungen wußte er, daß Aids-Kranke auch über einen langen Zeitraum ambulant versorgt werden können. Die Ansteckungswege dieser Krankheit verlangen keine Isolation. Neben der medizinischen Kompetenz sind psychologische Kenntnisse, Zuwendung und Einfühlungsvermögen von Ärzten und Schwestern gefragt. Der hierzu ausgebildete Hausarzt oder eine spezielle Ambulanz können dies besser und auch kostengünstiger leisten als stationäre Behandlung.

Hans Jäger schuf ein Vorbild für ein solches Behandlungskonzept. Drei Chefärzte des Schwabinger Krankenhauses (Innere Medizin, Dermatologie und Infektiologie) ermöglichten ihm seine Arbeit in der von ihm errichteten sogenannten „grauen“ Ambulanz, einer Einrichtung, die ihre Tätigkeit ohne Zustimmung der Krankenkassen – es gab keine Zulassung für ambulante Versorgung von Aids-Patienten – und ohne Bezahlung durch die Kassen aufnahm. In den folgenden Jahren schuf Hans Jäger dann das mittlerweile auch international anerkannte „Schwabinger Modell der integrierten medizinischen und psychosozialen Versorgung von Aids- und Aids-Vorfeldpatienten“.

Das alles kostete viel Geld. Die Stadt München konnte nicht viel beitragen. Ein Arzt, eine Schwester und eine Schreibkraft wurden bezahlt. Ein Ambulanzraum im dritten Stock des alten Schwabinger Krankenhauses wurde Hans Jäger zur Verfügung gestellt, die Leitung der Ambulanz aber nicht ihm, sondern den drei Chefarztkollegen übertragen. Der Assistenzarzt Doktor Jäger beschaffte die Mittel, die bei steigender Patientenzahl immer dringender benötigt wurden. Und er war sehr erfolgreich: Die Bonner Ministerien für Arbeit und für Gesundheit gaben für die mittlerweile auch politisch opportune Forschung die nötigen „Drittmittel“. Über ein Konto der Stadt München wurden sie für den von Jäger vorgeschlagenen Verwendungszweck ausgezahlt. Jäger konnte die Zahl seiner Mitarbeiter auf drei Ärzte und drei Schwestern erhöhen. Die Caritas steuerte die Mittel für eine Psychologenstelle bei.