Von Petra Kappert

Ostarrer Richter, unser Tun ist besser wohl als deines / trotz unserer Trunkenheit sind wir weit nüchterner als du: / du trinkest Menschenblut, wir das des Weines / gesteh’ nur, sind wir blutrünstiger als du?“ Diese persischen Verse stammen, so aktuell sie auch klingen mögen, aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts. Es schrieb sie der iranische Dichter, Mathematiker und Astronom Omar Chajjam (1048-1131), einer der berühmtesten Gelehrten und Poeten des islamischen Mittelalters.

Auch wenn heute von den militanten Wächtern der Islamischen Revolution gern das Gegenteil behauptet wird, so durchzieht doch die islamische Geistesgeschichte stets auch eine skeptisch-rationalistische Tradition, die sich gerade in der schönen Literatur der Perser und Araber, in Dichtung und Satire manifestierte und immer wieder durch ihre klare Ablehnung aller Dogmen verblüfft.

In der heftigen Diskussion um die „Satanischen Verse“ konnte der Autor Salman Rushdie nicht umhin, den eigenen Standort zu bestimmen – und ob man es nun als Zugeständnis an seine muslimischen Kritiker interpretieren möchte oder nicht: Er bestreitet nicht den „Einfluß des Islams“ auf sein gesamtes Leben und Schreiben, freilich mit dem Hinweis, „kein religiöser Mensch mehr“ zu sein.

Der Zweifel („die entscheidende Haltung für den Menschen des 20. Jahrhunderts“) bestimme ihn, so betont der Autor; und daß als dessen literarische Ausdrucksmittel Ironie, Spott und Satire bevorzugt werden, hat schon ein früher Vorläufer Rushdies im 11. Jahrhundert sehr erfolgreich unter Beweis gestellt: Ein parodistisch anmutendes Traktat des arabischen Dichters al-Macarri über die in der islamischen Offenbarung überaus realistisch ausgemalten Freuden im paradiesischen Jenseits empfanden einige der damaligen Zeitgenossen irritiert als spottgeladenen „Antikoran“; niemand forderte allerdings je dessen Verbrennung.

Bei aller Publizität, die Rushdies Buch mittlerweile erfahren hat, erschien die inhaltliche Diskussion der „Satanischen Verse“ bislang kaum sehr erhellend. Die Schwierigkeiten, die die Interpretation des Werkes bieten mag, liegen gewiß zu großen Teilen an dem souveränen – oder sollte man sagen: selbstbewußt-unbekümmerten? – Umgang des Autors mit den Fakten, Vorstellungen, Mythen und Legenden aus der Frühzeit des Islam, der Phase seiner ideologischen und politischen Konsolidierung im 7. Jahrhundert.

Rushdie bietet dem Publikum kaum Lesehilfen und Erklärungen an. Die ideologisch-politischen Auseinandersetzungen aus der Entstehungsphase einer Universalreligion versetzt er in eine Welt der Phantasmagorien, Parabeln, Träume und Fiktionen. Sein Buch ist ein höchst aktuelles Märchen.