Von Dirk Kurbjuweit

Als erstes fallen Georg Fürtges die Windeln ein. Vielleicht kommt er darauf, weil sein zweijähriger Sohn Leon gerade auf seinen Schoß gekrabbelt ist. Leon trägt Baumwollwindeln. "Hygienisch ist das einwandfrei, es riecht auch nicht", sagt Georg Fürtges. Die Windeln werden gesammelt und alle fünf Tage gewaschen. Das macht etwa eine Stunde zusätzliche Arbeit. Die Fürtges finden das nicht zuviel, denn immerhin landen so jährlich 1500 Pampers weniger auf dem Müllberg.

Das mag nicht viel sein angesichts von geschätzten 2,2 Milliarden Höschenwindeln, die in der Bundesrepublik im Jahr verbraucht werden. Aber die Fürtges lassen sich von großen Zahlen nicht den Mut nehmen, sondern schauen lieber in die Mülltonnen vor der eigenen Haustür. Die Höschenwindeln von drei Kindern werden dort hineingestopft. "Würden wir das auch noch machen, würde der Platz kaum reichen. Da wird die Müllvermeidung deutlich", sagt Karla Fürtges.

Die Fürtges sind Leute, die anderen ständig ein schlechtes Gewissen. Andererseits werden sie selbst wohl häufiger von schlechtem Gewissen geplagt als andere. Ihr Beispiel zeigt, was eine normale Familie ohne sehr großen Aufwand für den Umweltschutz tun kann, macht aber auch deutlich, wie schwierig es ist, konsequent zu sein.

Karla Fürtges ist 29, diplomierte Kartographin und arbeitet bei der Stadt Herne. Ihr Mann Georg, 35, hat eine Stelle als Techniker beim Kommunalverband Ruhrgebiet in Essen, ist aber seit eineinhalb Jahren Hausmann, da er Erziehungsurlaub wegen Leon hat. Im Januar wird ein zweites Kind erwartet. Die Fürtges leben in Essen, nahe dem Stadtwaldplatz. Die Gegend ist ruhig, jedes Haus hat ein, zwei Stockwerke, Garten und Vorgarten. Die Wohnung der Fürtges liegt im ersten Stock, 99 Quadratmeter, vier Zimmer. Das kleine Wohnzimmer ist mit Möbeln aus hellem Holz eingerichtet, dazu eine beige Couch, ein Schaukelstuhl, eine Stereoanlage, ein Minifernseher, in einer Pappbox Ausgaben der Zeitschrift natur.

In der Küche gibt es einen normalen Mülleimer, aber der muß außer Plastik kaum noch etwas schlucken. Altglas und Altpapier werden extra gesammelt. Zudem steht auf dem Küchenschrank ein Pappkarton für Aluminiumabfall wie zum Beispiel Joghurtdeckel. In einer Plastikschüssel stapeln sich gefaltete Konservenbüchsen aus Weißblech. Auf dem Balkon modert in einer Tonne organischer Müll, bis Nachbarn ihn für den Garten brauchen. Batterien geben die Fürtges bei Sondersammlungen ab, alte Medikamente gehen zurück an die Apotheke. Mehr kann man fürs Recycling kaum machen.

Besser wäre freilich, der Abfall würde erst gar nicht entstehen. Etwa 780 Kilogramm sind es bei einer dreiköpfigen Familie durchschnittlich im Jahr, darunter 75 Kilo Glas, 40 Kilo Plastik und 110 Kilo Papier und Pappe. Bei den Fürtges ist es wahrscheinlich weniger, da sie auf Pampers, Alufolie oder Wegwerftücher verzichten. Doch auch sie könnten mehr tun. Aber Georg Fürtges sagt: "Wir gebärden uns nicht als Puristen."