Von Nina Grunenberg

Im Jahre 1926 hatten einige Chefs aus dem Ruhrgebiet die Idee, das Gas, das in ihren Zechenkokereien abfiel, als Fernwärme weiterzuverwerten und dafür ein Leitungsnetz zu legen. Über sechzig Jahre später kann Klaus Liesen, der heutige Vorstandsvorsitzende der Ruhrgas AG, ihren Weitblick immer noch ehrlich bewundern. "Das waren" in seinen Augen "wirklich Unternehmer".

Aber auch den ersten politischen Rückschlag, den seine Vorgänger mit ihrer Idee erlitten, erzählt er gern. Da auch in den Kokereien an der Saar und in Schlesien Gas als Nebenprodukt abfiel, wurden sie aufgefordert, sich an der Gemeinschaftsunternehmung zu beteiligen und ihrerseits Leitungen zu legen. Nach den Vorstellungen der Ruhrherren sollte das Fernwärmenetz in Berlin verknüpft werden. Der Plan scheiterte am Veto des Generalstabs, der psychologisch noch unter dem Eindruck der Ruhrbesetzung stand. Die Reichshauptstadt dürfe in ihrer Energieversorgung, fanden die Militärs, nicht von einem Gebiet abhängig sein, das so nah wie die Saar beim Erbfeind Frankreich lag.

Im Rückblick klingt die Geschichte abwegig, aber in Liesens Augen belegt sie nur, daß das Geschäft mit der Energieversorgung – "wie alles, was zur Grundversorgung gehört" – schon immer politiknah gewesen ist.

Bis Klaus Liesen selber in die Branche einstieg, vergingen noch vierzig Jahre, in denen Ruhrgas nicht viel von sich reden machte. Das Unternehmensvolumen war bescheiden, nur das Rohrnetz wuchs – von 1128 Kilometer im Jahre 1926 auf 3402 Kilometer 1965 – und reichte bis nach Hannover und in die Oberpfalz. Zufall oder Vorausschau? Als Liesen in den siebziger Jahren die Gasverträge mit den Sowjets aushandelte, stellte sich der Anschluß in Waidhaus in der Oberpfalz als günstig heraus, weil das "Russengas" dort übernommen werden konnte.

Leben kam in das Geschäft, als sich 1964 die Gerüchte über große Erdgasvorkommen in Holland bestätigten und der damalige Ruhrgas-Chef Herbert Schelberger den Mut hatte, sich kurzentschlossen vom Kokerei-Zeitalter zu verabschieden und auf Erdgas umzusteigen. Für Liesen "eine entscheidende Tat, sonst wären wir unter die Räder gekommen".

Obendrein gelang es damals, die Alteigentümer aus dem Bergbau dazu zu überreden, 25 Prozent der Ruhrgas an Esso und Shell abzugeben, die Ölgesellschaften, die in Deutschland Gas förderten und der Ruhrgas im Gegenzug über ihre Schwestergesellschaften in Holland den Zugang zur größten kontinentaleuropäischen Gasquelle eröffneten. Damit war für Ruhrgas auch die Marktführerschaft beim Einkaufen und Verteilen von Erdgas auf dem deutschen Inlandmarkt gesichert. Gleichzeitig wurde in eine 371 Kilometer lange Transitstrecke von der holländischen Grenze bis in den Mannheimer Raum investiert, so daß das Gas auch nach Süddeutschland strömen konnte. Ruhrgas war jetzt die große Gasgesellschaft Europas – allerdings noch mit deutlich weniger als einem Zehntel ihres heutigen Volumens (1988 betrug der Konzernumsatz 8,6 Milliarden Mark). Sein Rohrnetz aus den Koksgas-Zeiten sicherte dem Konzern damals einen Vorsprung, den die Konkurrenten nicht mehr einholen konnten. 1970 zählte es 4991 Kilometer.