Von Helga Hirsch

Sie brauchte einen Kühlschrank. Seit Monaten waren die Warschauer Läden leer – kein einziges Exemplar. Die Devisenläden Pewek erhielten zwar schubweise westliche Ware, aber da galt es, erst auf der Lauer zu liegen und dann sofort zuzugreifen. Was aber tut, wer weder warten noch auf der Lauer liegen kann?

Die Tageszeitung Zycie Warszawy annoncierte einen nigelnagelneuen Kühlschrank polnischen Fabrikats mit eigenem kleinen Tiefkühlfach – Preis und alle weiteren Bedingungen zu erfragen unter einer Privatnummer. Dort meldete sich zwar nicht wie erwartet der Besitzer, sondern ein Vermittler. Er wußte Bescheid: Eine Million sechshunderfünfzigtausend Zlotys (sechs Monatsgehälter) sollte die Ware kosten, abzuholen abends um 21 Uhr.

Der Preis lag ein Drittel über dem normale! Marktpreis. Aber was nützte es, sich innerlich dagegen aufzulehnen, solange der normale Preis fiktiv ist, da die Ware ihren Besitzer findet, bevor sie auf den Markt kommt? Was nützte es, sich über die Zeit zu beschweren, zu der kein Fuhrunternehmen arbeitet, wenn die Spekulation gerade darauf beruht, daß die Normalität nicht funktioniert?

Also galt es, 1,65 Millionen Zlotys einzuwechseln, ein Auto mit Anhänger aus dem Bekanntenkreis zu besorgen und am nächsten Abend pünktlich zum verabredeten Treffpunkt zu erscheinen. Dunkel war die Trocka-Straße im Stadtteil Praga, wo der rote Lada des Vermittlers an einer geschlossenen Tankstelle schon wartete, um Käufer und Transporteur hinauszulotsen zu seinem Auftraggeber: an den Rand von Warschau, dorthin, wo die Straßen nicht mehr geteert sind und der Anhänger ungebärdig über die tiefen Regenlöcher hüpfte. Zu einem Haus, vor dem die Klienten nicht parken durften und im Dunkeln warten mußten, bis der Haus- und Kühlschrankbesitzer mit Pfeifen signalisierte: Die Luft ist rem.

Dann kam die Entschuldigung. Tatsächlich ein nigelnagelneuer Kühlschrank polnischen Fabrikats mit eigenem Tiefkühlfach und einem Garantieschein, der alle erforderlichen Stempel aufwies, das Verkaufsdatum aber offenließ, damit die künftige Besitzerin selbst entscheiden konnte, wann die zwei Jahre Garantie zu Ende sein sollten.

Nur einmal im Monat sei das Tiefkühlfach abzutauen, wies der Hobby-Verkäufer ein, und während dieser Zeit – das sei üblich – bringe man das Fleisch zum Nachbarn. Erst dann begann er, den Daumen wieder und wieder mit Spucke befeuchtend, die 230 Banknoten der 1,65 Million Zlotys nachzuzahlen und säuberlich in sechzehn Stapeln auf dem Küchentisch zu ordnen. Erst dann bugsierte der Vermittler seine beiden Kollegen mit dem 150 Zentimeter hohen Gerät Stufe für Stufe das Treppenhaus hinunter, in dem er zuvor das Licht ausgeschaltet hatte.

Schließlich aber stand der Kühlschrank hochaufgerichtet auf dem kleinen Anhänger, und, festgezurrt von dicken und dünnen Seilen, an den kritischen Stellen geschützt mit alten Lumpen, fuhr er, mit wehendem und knatterndem Plastiküberzug, hüpfend, springend, schwankend durch das nächtliche Warschau: ihr Kühlschrank. Doch als wolle er die Freude dämpfen, wandte sich der junge Transporteur am Ende der Fahrt mit väterlichem Ton an die neue Besitzerin: "Das nächste Mal sollten Sie ein solches Geschäft nicht allein abwickeln. Immerhin war Praga bis vor kurzem noch Vorstadt!" Und um zu illustrieren, was er damit meinte, zog er das Bajonett aus dem Futteral, das er – "für alle Fälle" – neben dem Gaspedal deponiert hatte. Sie wurde blaß, brauchte sie doch noch eine Waschmaschine ...