Von Gunter Hofmann

Was aber "Nationalismus" heißt, ist in vielen Fallen einfach der "Patriotismus" anderer und "Patriotismus" die eigene Form von "Nationalismus".

Norbert Elias, Studien über die Deutschen

Bonn, im November

Es sei "schön undeutsch" zugegangen in diesen Berliner Tagen, freut sich Willy Brandt. Ein solches Ausmaß an Fröhlichkeiten und Freundlichkeiten! Wie die DDR-Bürger bei ihrer Rückkehr den Polizisten zuriefen: "Kiek mal, wir kommen alle wieder." Und wie der Wechsel von Berlin nach Berlin ohne Ausweis klappte. Auch Brandt hatte seinen nicht dabei, "ich wollte aber auch gar keinen zeigen".

Erstaunlich deutsch wiederum, meint Peter Bender, der mit der sozialdemokratischen Linken in Bonn diskutiert, gehe es in dieser DDR-Krise zu. Diese Disziplin und die Selbstappelle, sich aus der Krise herauszuwühlen. Die Beschlüsse, die gefaßt, die Kommissionen, die eingesetzt, die Institutionen, die gesucht werden – das kennt man doch alles in Deutschland.

Eine sanfte, friedliche, aber auch eine ordentliche, betriebsame Revolution geht vonstatten im anderen Deutschland, eine Revolution mit vielen Gesichtern. Noch hält das an. Und noch sitzt die Nation, West, im Fernsehsessel und schaut fasziniert zu. Das gilt für alle, natürlich auch für die Politiker. Im selbstverliebten Bonn kommt es selten vor, daß man am Morgen Politiker auf der Straße trifft, die fragen: "Haben Sie das gesehen, gestern abend, das Abendgebet live aus Leipzig und Hans-Joachim Friedrichs, der von dort aus die Tagesthemen moderiert?" Sonst wird man immer gefragt: "Haben Sie meine Rede gehört – und wie war ich?"