Im kommunistischen Bulgarien war der Begriff Pluralismus bislang verpönt. Noch vor einem halben Jahr fand sich in der linientreuen Zeitung Kampf eine Karikatur, auf der sich zwei Streithähne gegenseitig anspuckten. Hintersinn: Stellt man im Bulgarischen das Wort Pluralismus leicht um, so wird „Anspuckerei“ daraus.

Künftig soll der Begriff nicht mehr Gegenstand des Spottes sein. Denn Petar Mladenoff, seit voriger Woche neuer Staats- und Parteichef in Sofia, nahm ihn in sein Vokabular auf. Er versprach mehr Pluralismus im erstarrten bulgarischen Staat. Der 53jährige frühere Außenminister übernimmt das verlotterte Erbe, das Todor Schiwkoff nach 35 Jahren hinterläßt.

Lange konnte sich der 78jährige Altstalinist durch gerissenes Taktieren am Ruder halten, doch zuletzt war er immer stärker ins Kreuzfeuer parteiinterner Kritik geraten. Schiwkoff hatte immer nur von Änderungen im abgewirtschafteten System gesprochen, schreckte aber stets vor grundlegenden Reformen zurück.

Signalisiert der Machtwechsel im Schatten der Ereignisse in der DDR einen Kurswechsel auch in Bulgarien? Da sind Zweifel erlaubt. Es sieht nicht so aus, als wolle Mladenoff den absoluten Führungsanspruch der KP zur Disposition stellen, wie Dissidenten fordern. Und die beunruhigenden Folgen des Exodus von 300 000 türkischstämmigen Bulgaren in diesem Jahr hat er in seiner Antrittsrede erst gar nicht erwähnt.

Freilich weiß auch der neue Parteichef, daß in Zukunft nicht mehr am Volk vorbei regiert werden kann. „Keine Initiative kann überleben, wenn sie nicht völlig von der Gesellschaft gestützt wird“, schrieb er den orthodoxen Genossen ins Stammbuch. Dennoch: Der revolutionäre Wind, der dieser Tage durch den Osten fegt, ist in Bulgarien bis jetzt nur ein leises Lüftlein – wie lange noch?

Bartholomäus Grill