Von Christoph Bertram

Da hat ein kluger Italiener in jahrzehntelangen Studien und fast acht Jahre lang aus der Nähe uns Deutsche betrachtet und schreibt ein Buch darüber – oder treffender, denn hier wird geplaudert, nicht doziert – ein Büchlein, unter dem Titel "Wenn schon, denn schon – aber ohne Hysterie". Der Autor, Graf Luigi Vittorio Ferraris, war von 1981 bis 1987 Botschafter seines Landes in Bonn, und er hat diese Zeit weidlich genutzt. Unermüdlich ist er den Westdeutschen auf den Fersen geblieben: der großen Politik aus dienstlicher Verpflichtung und Leidenschaft, aber nicht weniger der kleinen Politik in unzähligen alltäglichen Begegnungen. Seine Exzellenz waren ein Botschafter, aber auch ein Kundschafter.

Den Anstoß zu diesem Buch gab vor allem Neugierde, durchsetzt mit Sympathie. Was er über die Spezies des Bundesdeutschen notiert, ist keineswegs immer schmeichelhaft; dies ist kein schulterklopfendes Buch voll unverbindlicher diplomatischer Liebenswürdigkeiten. Ferraris schätzt viele unserer Eigenschaften nicht, vor allem nicht die deutsche Gefühligkeit, und daraus macht er kein Hehl. Aber er ist kein kalter Kritiker, sondern ein werbender Freund: Er mag uns, er glaubt an uns, und er möchte, daß wir das Vertrauen unserer Freunde auch ganz verdienen.

Den Freund Ferraris betrübt, wie schwer die Deutschen sich damit tun, die Balance zu halten. Da erlebt er, mitten in der Nachrüstungsdebatte, einen Abend mit jungen Leuten. Einer fragt einen zum Gespräch angereisten Bonner Politiker, was denn geschähe, wenn die Pershing-Raketen stationiert würden. "Es kann alles geschehen", lautet die dumpfe – und dumme – Antwort. Da klagt Ferraris, es sei nicht leicht gewesen, in seinen diplomatischen Berichten nach Rom die deutsche Atmosphäre wiederzugeben, "wenn überall die Rede davon war, daß die bevorstehende Wahl – ob nun Landes- oder Gemeindewahl – eine Schicksalswahl sein müßte". In Deutschland radikalisiere sich jedes Geschehen "sofort bis zum Drama oder sogar bis zum Psychodrama".

Das Gegenmittel des Dr. Ferraris: Mehr Gelassenheit, mehr Selbstvertrauen, mehr Lebenskunst für die Germanen. Aber anders als mancher Kritiker hält er uns durchaus solcher Eigenschaften für fähig, wenn wir sie nur einüben. Die Lebensart findet er bei den einfachen Leuten, das Selbstvertrauen in den kleinen Kommunen. Die Bundesbahn lobt er und die Bauern; die Stadtbibliotheken preist er, die bescheidenen Bürgermeister schätzt er. Hier treffe man "auf eine Kontinuität Deutschlands, die aufrichtiger ist als die bombastische Erfolgsgeschichte der wilhelminischen Epoche oder die demütigende Gehorsamkeit der nationalsozialistischen Zeit". Und auf Bonn, die provisorische Hauptstadt, blickt der weltläufige Römer nicht mit Verachtung herab, sondern wird im Lob geradezu lyrisch: "Bonn hat eine Seele, die sehr deutsch und sehr angenehm ist."

Nicht der deutsche Charakter, sondern der Anstrich, den die heutigen Bundesdeutschen ihm gegeben haben, macht Ferraris Sorge. Den entscheidenden Grund für unseren Mangel an Balance sieht er in der deutschen Unsicherheit: Sie ist es, die Hysterie und Hybris zugleich auslöst, die uns schwanken läßt, wo wir doch festen Boden unter den Füßen haben.

Der kritische Beobachter entdeckt die deutsche Unsicherheit in der steifen Gründlichkeit unserer Staatszeremonien, unter der er als offizieller Vertreter seines Landes und notorischer Workaholic häufig leiden mußte. "Natürlich hat die Gründlichkeit auch ihre Vorteile. Aber wir müssen doch einräumen, daß all das, was im Leben ohnehin langweilig ist, in Deutschland wegen dieser Gründlichkeit noch langweiliger wird ... Es müssen stets viele und lange Reden sein, niemals weniger als ein paar Stündchen. Wie könnte man auf die musikalische Einrahmung verzichten? Kein Redner wäre bereit, seinen Text zu kürzen."