Ich heiße Linda Reisch, mein Arbeitsstil ist das Gespräch.“ Deshalb müssen wir ab morgen früher ins Bett. Denn wenn Linda Reisch irgendwann im nächsten Frühsommer die Nachfolge des Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann antritt, ist es mit dem Schlaf vorbei.

Da dürfen wir uns nach dem Theater nicht mehr grüblerisch oder muffelig nach Hause vertrollen, sondern müssen miteinander diskutieren, ungeachtet der Erkenntnis, daß uns die „fruchtbare und natürliche Übung“ des Gesprächs bereits Montaigne ebenso bestens wie erfolglos empfohlen hat. Sprechen kann Streiten sein, prophezeit Linda Reisch. Das sagt sie so leicht, weil sie glaubt, zwar einen „Panzer“ und eine „Rüstung“, aber kein Harmoniebedürfnis zu haben.

Im Bürgerhaus Harheim sitzen samstags um neun die SPD-Vertreter der Frankfurter Ortsverbände von Sossenheim bis Sachsenhausen-Ost. Die „lieben Genossen und Genossinnen“ schrauben die Thermoskanne auf, packen zur Beruhigung ihrer Kinder Sinalco-Flaschen und Playmobil-Ritter aus, und die wenigen, die das so früh und überhaupt interessiert, hören, daß Kultur viel mehr ist als nur eine Produktivkraft.

Linda Reisch spricht energisch, schnell und viel. Sie ist alleinige Kandidatin für das Amt des Kulturdezernenten, von Oberbürgermeister Volker Hauff nominiert, von den Grünen toleriert und von der Frankfurter SPD an diesem Morgen mit eindeutiger Mehrheit gewählt.

Damit hat die 39jährige Kämpferin, die weiß, daß die nun noch folgende obligatorische Ausschreibung verschenktes Geld und eine bloße Formsache ist, wohl gerechnet. In den vergangenen Tagen hat sie im „Café Laumer“ mit Neugierigen hofgehalten, als würde hier Horkheimers Verdammung des Spezialistentums mit der Brioche serviert.

Da es für den charismatischen Hilmar Hoffmann nach zwanzigjähriger Dienstzeit, in die Frankfurts sehenswerter Aufstieg fällt, keine Nachfolge geben kann, ist er mit der Nachfolgerin Linda Reisch zufrieden. Sie sei „belastbar“, sagt er, aus männlicher Sicht ein respektables Kompliment, und schiebt einen bösen Artikel über den Tisch, in dem ein heißgewüteter Augur Linda Reischs kulturpolitische Vorstellungen mit Axthieben zerlegt.

In den vergangenen sechs Jahren hat Linda Reisch das „Kulturforum der Sozialdemokratie“ in Bonn geleitet, eine Vorfeldorganisation, wie sie sagt, um Gespräche aufzubauen, Themen zu finden, für die es noch zu früh ist. Sie schaut in die Ferne und fragt sich, was für eine Stadt Frankfurt im Jahr 2010 wohl sein wird. Bis jetzt sei das hier bloß eine City, noch nicht mal eine Großstadt, von einer Metropole keine Rede.