Gerade siebzehn Stunden war Deng Xiaoping auf dem politischen Altenteil, da trat er schon wieder in Aktion. In Pekings „Großer Halle des Volkes“ empfing das „einfache Parteimitglied“ (Deng) den früheren amerikanischen Außenminister Kissinger. In China herrsche jetzt Stabilität, beschied Deng seinen Gast, „ich bin gänzlich beruhigt“. Aber er fügte sogleich hinzu: „Ich werde weiter meine gebührende Rolle spielen, wie es erforderlich ist.“

Wer wollte daran zweifeln? Auch wenn Deng mit dem Vorsitz in der Zentralen Militärkommission nun seinen letzten Posten aufgegeben hat, so bleibt der 85 Jahre alte Revolutionsveteran doch die höchste politische Autorität im Reich der Mitte. Als Schiedsrichter zwischen den in die Defensive gedrängten Wirtschaftsreformern und den auftrumpfenden Neo-Stalinisten ist er noch immer unabkömmlich.

Denn der auf Dengs Betreiben im Juni zum Parteichef gewählte Jiang Zemin, der vorige Woche auch an die Spitze der Militärkommission rückte, ist nur pro forma Chinas neuer erster Mann. Eingemauert von Hardlinern wie dem Premierminister Li Peng und dem Staatspräsidenten Yang Shangkun, wird sich Jiangs Schicksal entscheiden, wenn nach dem Tod Dengs der Machtkampf unter Chinas Kommunisten offen ausbricht.

Ein Garant der Reform- und Öffnungspolitik ist der farblose Technokrat gewiß nicht, den Deng nach dem Blutbad auf dem Tiananmen-Platz zum Zweck der Schadensbegrenzung aus Shanghai in die Hauptstadt holte. Als „Blumentopf“ war Jiang schon in der Hafenmetropole verspottet worden – dekorativ und nutzlos.

Deng aber, auf dem die Hoffnungen des Milliardenvolkes ruhten, tritt als ein Gescheiterter von der Bühne ab. Er wird ein Haus ohne Hüter hinterlassen. Die Erben wetzen schon jetzt die Messer.

M. N.