Von Petra Kipphoff

Hamburg liegt ein bißchen weiter weg. Erst etwas später kommt manches Kunst- oder Kultur-Gut hier an, das im fashionablen Köln oder im hochgetürmten Frankfurt schon Mode, das im wieselflinken Berlin schon Alltag ist.

In Hamburg ist man über diesen Lauf der Dinge nicht unbedingt bose, denn schön ist es auch, auf Reisen und andernorts etwas Neues oder Verrücktes zu erleben und dann in der guten alten Umgebung darüber nachzudenken – soll man das nun auch wollen? Manches, leicht verderbliche Ware, erledigt sich von selbst, bedarf keiner Entscheidung mehr. Auch gut. Anderes genehmigt man sich auf hamburgische Weise: spät und anders.

So gab es in diesem Herbst zum zweitenmal die „Forum“-Kunstmesse, ein von Schweizer Messe-Machern importierter Flop, den man sich wohl nicht ein drittes Mal leisten muß oder sollte, wo es doch die gut funktionierenden Messen in Köln, Basel oder (neuerdings) Frankfurt gibt. So gibt es in Hamburg seit kurzem ein wunderschönes Literatur-Haus nach Berliner Vorbild, das langsam aber zielstrebig zu hamburgischem Leben erwacht. Und so gibt es jetzt etwas, was es nur in Hamburg gibt: zwei alte große Blumenmarkt-Hallen, die für Ausstellungszwecke umgerüstet wurden. Der schlaue Erfinder und eigenwillige Mäzen Kurt A. Körber hat diese seit 1984 nicht mehr genutzten „Deichtorhallen“ für 25 Millionen Mark renovieren lassen und sie der Stadt zum 800. Hafengeburtstag quasi wiedergeschenkt. Neben dankbarer Begeisterung und großen Ruhmesworten hat Körber, zusammen mit dem Berliner Umbau-Architekten Josef Paul Kleihues, manche Kritik und böse Kommentare einstecken müssen. Zum Beispiel dafür, daß an prominenter Blickfang-Stelle zwischen den beiden Hallen das zur Skulptur stilisierte Körbersche Firmensignet aufgestellt wurde. Daß nun der zur ersten Kunst-Ausstellung eingeladene amerikanische Heavy-Metal-Meister Richard Serra von „Holiday on Ice“ und „Turnhalle“ sprach, weil seine schweren Hochkant-Eisenplatten nicht in der Halle stehen können (die ohnehin viel sinnvoller im Freien plaziert sind), ist allerdings weniger ein Hinweis auf die Problematik des Mäzenatentums oder der Altbausanierung als vielmehr ein Beleg dafür, daß manche Menschen eben mit dem Bizeps formulieren. Wahr und viel ernüchternder als der kleine Künstler-Koller ist, was Manfred Sack nach der Eröffnung der renovierten Hallen feststellte: daß hier eine inklusive ihres rostigen Charmes standhaft gealterte Gebrauchsarchitektur zu einer „bleichen Schönheit“ geliftet sei. Nun brauche sie, so schloß er, wohl das „Szenario der Kunst, um lebendig zu werden“.

Dieses Szenario, ein erstes Szenario, ist nun da: eine Ausstellung von John-Erik Berganus (ehemaliger Hamburger Kaufmann und derzeitiger Direktor der Deichtorhallen) und Harald Szeemann (Ausstellungsmacher aus Zürich/Tegna/TI).

Der Titel der Veranstaltung ist auf Anhieb kaum zu verstehen: „Einleuchten: Will, Vorstel und Simul in HH.“ Da es kein Plattdeutsch ist, könnte es vielleicht Schwyzerdütsch sein? Nein, sagen die Herren Kollegen vom Theater, eingeleuchtet werde die dunkle, noch leere Bühne, probeweise. „EINLEUCHTEN“, so liest man dann unter der Überschrift „Annäherungen“ im Katalog, „bedeutet Einweihen, die Lichter anzünden, die Lichtstrahlen lenken, ja Positionen ausleuchten, konzentrieren und entgrenzen, Leuchttürme und Deiche errichten, Sandburgen bauen, die die Gezeiten verwischen.“ So kommt der „Schimmelreiter“ jenseits der Alpen an. Aber nicht Storm, so lesen wir etwas später, war der spiritus rhetor dieser freien Rhythmen und ihrer Materialisierung (Arbeiten von 57 Künstlern sind in der Ausstellung zu sehen)), sondern Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung“.

Zwei Hallen, insgesamt rund 6000 Quadratmeter groß, in denen zeitgenössische Kunst ein Vierteljahr lang spannend, bewegend, stimulierend, aufklärend präsent ist – mit einer geringeren Erwartung, einem preiswerteren Anspruch darf man den großen Zahlen, Namen und Summen (drei Millionen Mark Einweihungs- und „Einleuchten“-Kosten sind eine Menge Geld in einer Stadt, in der das erste Museum am Platz zur Zeit mit 600 000 Mark per anno auskommen muß) begegnen.