Von Wolf Biermann

Liebste Sarah, ich hätte dich gestern nicht anrufen solln, nicht um die Nummer von Christa Wolf in Ostberlin. Dies wird ein längerer Brief über ein kurzes Telefongespräch.

Heute ist Sonntag, the day after the revolution. Ich bin wieder in Altona. In der Glotze wars zu sehn: Gestern morgen hatte ich versucht, am Bahnhof Friedrichstraße durchzukommen. Freilich wußte ich, daß sie mich nicht durchlassen werden. Aber in diesen bewegten Zeiten ist nichts sicher. Und außerdem war ich von Bärbel Bohley eingeladen. Es sollte nicht so aussehn, als sei es meine Schuld, wenn nichts aus meinem Auftritt am 4. November aufm Alex wird ...

Am Nachmittag sah ich mir dann im Ostfernsehn die Direktübertragung an: Rechtsanwalt Gysi und Christa Wolf, Christoph Hein. Und der weißhaarige „Nestor“ Heym, das tapfere Schneiderlein. Und ich sah Sauluspaulus Wolf, den gefürchteten Stasi-General als frischgebackenen Freiheitskämpfer und dann den SED-Boß von Berlin als zähnefletschenden Glasnostalgiker – Ausschnitte von all dem wirst Du ja in deinem schleswigholsteiner Vogelnest am Eiderdeich im Westfernsehen auch gesehn haben.

Eine gewaltige Revolution und ohne alle Gewalt. Und schwer als Revolution zu erkennen, weil man solch eine sanftradikale Revolution eben nie kannte. Ich saß am Bildschirm und rieb mir die Augen und merkte, es wird! ja, es ist schon geworden.

Mir lachte das Herz, und es gab mir einen Stich: Denen gehts prima, die da brauchen mich nicht mehr. Du kennst das alte Elend des Exilierten: Er hofft, daß es zuhaus besser wird, aber wenns besser wurde, hat er gar nichts mehr, nicht mal die alten treuen und liebgewordenen Feinde. Und er hat keinen Anteil am Sieg gegen die alten Unterdrücker.

Ich spürte es: Die brauchen mich zum Glück gar nicht mehr, aber ich brauche, leider! sie zu meinem Glück. Meine ureigenste Sache wird da verhandelt, dachte ich, und ich selber darf nicht dabei sein. Und da alles sich so wunderbar zum Guten wendet, fühlte ich mich wie ein Angeklagter, der in Abwesenheit zum Leben verurteilt wird.