Als Jockey auf einem lahmen Gaul ist er als erster ins Ziel gekommen – so kann man die berufliche Karriere des im Alter von 83 Jahren gestorbenen Hans-Günther Sohl beschreiben. Er war nach dem Kriege einer der Liquidatoren der Vereinigten Stahlwerke und suchte sich zur Verwunderung vieler die August Thyssen-Hütte in Duisburg-Hamborn als Betätigungsfeld aus – ein Unternehmen, das er selbst in seiner 1983 erschienenen Autobiographie „Notizen“ so beschreibt: „Das letzte Entflechtungsobjekt der Vereinigten Stahlwerke blieb die fast völlig demontierte und isolierte August Thyssen-Hütte.“

Außer ihm haben nur wenige an die Zukunft der am 2. Mai 1953 – Sohl wurde an diesem Tage 47 Jahre alt – gegründeten August Thyssen-Hütte (ATH) geglaubt. Aber was dann geschah, war eine Parallele zum deutschen Wirtschaftswunder. Zerstörte oder demontierte Anlagen bedeuteten neue Investitionen und damit technische Überlegenheit. Voraussetzung war freilich der Mut zum Schuldenmachen – und den hatte Sohl. Außerdem hatte er den idealen Standort, denn nirgendwo sind die Transportkosten für Rohstoffe und Produkte gunstiger als am Niederrhein, was Sohl aus seiner früheren Jobs bei Krupp und den Vereinigten Stahlwerken besser wußte als jeder andere.

Ohne seine nahezu geniale Fähigkeit, die richtigen Menschen zu kennen und die künftigen Strömungen zu erahnen, wäre er aber möglicherweise als Chef eines mittelprächtigen Hüttenwerks und nicht als Herrscher über das bedeutendste deutsche Stahlimperium in den Ruhestand getreten. Denn im Thyssen-Bereich gab es zumindest einen Konkurrenten, der sein Unternehmen als Kristallisationspunkt für die durch die Entflechtung zerschlagenen Thyssen-Unternehmen ansah. Das war Fritz-Aurel Goergen, der Vorstandsvorsitzende von Phoenix-Rheinrohr. Die Gunst der Großaktionäre gewann jedoch Sohl – mit einer für damalige Verhaltnisse ungewöhnlich hohen Abfindung strich Goergen 1957 die Segel.

Sohl gliederte seiner ATH nahezu alles an, was einst zu den Vereinigten Stahlwerken gehört hatte: die Handelsunion als Absatzventil, die Deutschen Edelstahlwerke, die Niederrheinische Hütte und natürlich auch Phoenix-Rheinrohr. Außer seinem klaren Verstand half ihm dabei auch ein gerüttelt Maß an Schlitzohrigkeit, das die listigen Augen verrieten. Sohl hängte die Konkurrenz um Längen ab und wurde ganz folgerichtig für viele Jahre Vorsitzender der mächtigen Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie.

Mit scheinbar spielerischer Eleganz baute er sein Unternehmen auf, nie machte er den Eindruck eines gestreßten Mannes. Zur Bilanzpressekonferenz und zur Hauptversammlung erschien er strahlend und mit frischer Urlaubsbräune, ein Bonmot hatte er stets parat. So, als er vor vielen Jahren gefragt wurde, ob denn eine Affäre um geplatzte Wechsel von Mannesmann in Brasilien endlich ausgestanden sei. „Wieso ausgestanden“, sagte er, „sie ist ja nicht einmal eingestanden.“

In Danzig hat er die ersten elf Jahre seines Lebens verbracht, seine Eltern stammten aus Hessen, aber geprägt hat ihn Berlin, wo er von 1917 bis 1929 zu Hause war. Die Weitläufigkeit des Berlins der zwanziger Jahre hat auf ihn abgefärbt – Provinz war nie seine Sache. Und von der Musik ist er nie mehr losgekommen, seit er als Schüler in Berlin die Luft der Opernhäuser und Konzertsäle geatmet hatte. Er hat erwogen, Musiker zu werden, sich dann aber damit begnügt, ein guter Amateur zu sein. Virtuose wurde der gelernte Bergassessor in der Wirtschaft.

Die ATH nannte er gern einen „lupenreinen Stahlkonzern“. Tatsächlich unterschied sich sein Unternehmen von Konkurrenten wie Hoesch oder Krupp, die auch in der Weiterverarbeitung tätig waren. Aber mit der „Lupenreinheit“ begründete er vor allem die Expansion der ATH, die seiner Meinung nach stärker sein mußte als die Konkurrenz, weil sie nur das eine Produkt Stahl herstellte.