Das Fischland – eine traditionsreiche Halbinsel an der Ostseeküste der DDR

Von Rolf Schneider

Das Fischland, eine Ostsee-Halbinsel, liegt ungefähr auf der Mitte zwischen den beiden Küstenstädten Rostock und Stralsund. Anfangs verläuft sie ziemlich schmal nach Nordosten, bis sie dann, sich verbreiternd, die ungefähre Form eines Vierecks annimmt. Da heißt sie schon der Darß und ändert nach einer weiteren Strecke ihre Richtung exakt nach Osten. Wenn sie endet, sind Rügen und Hiddensee schon nahe, eines das größte und das andere das feinste Ostsee-Eiland der DDR.

Im Fischland nimmt man außer sich selber bloß noch den Darß zur Kenntnis, ein oft undurchdringliches Waldgebiet, in dem die Bäume wachsen, umfallen und faulen dürfen, wie sie wollen. Dort gibt es Sümpfe und des Sommers Myriaden von Stechmücken. Eine Autostraße durch den Darß existiert erst seit rund dreißig Jahren. Früher gab es statt dessen einen breiten Sandweg, der sich am einfachsten mit Pferdefuhrwerken und Eselskarren bewältigen ließ. Die befestigte Straße Richtung Nordosten endete damals in Ahrenshoop, an dessen Ortsrand nicht bloß die Grenze zwischen Fischland und Vordarß, sondern zugleich jene zwischen Mecklenburg und Pommern verlief.

Das alte, das historische Fischland umfaßte die drei Ortschaften Althagen, Niehagen und Wustrow. Alle drei sind ehemalige Fischerdörfer, in denen auch Landwirtschaft betrieben wurde. Es gab auf dem Fischland keinen Großgrundbesitz und keine Leibeigenschaft, aber eine Art Zuzugssperre für jeden, der keinen Besitz nachweisen konnte. Es gab Bauern und Büdner, erkennbar an ihren zwar unterschiedlichen, aber in jedem Fall reetgedeckten Häusern, im Unterschied zum dritten Haustyp in der Landschaft, dem Kapitänshaus. Es findet sich überwiegend in Wustrow, der Ortschaft mit der berühmten Navigationsschule. Die Seefahrt bescherte dem Fischland während der Zeit der Segelschiffahrt einigen Wohlstand, denn die Schiffe befanden sich nicht im Besitze großer Reedereien, sie waren das Eigentum ihrer Kapitäne. Häufig wurden Anteile auch in der Verwandtschaft gehalten oder durch Heirat erworben. Ein wenig inzüchtig ging es deswegen zu in der Gegend, bestimmte Familiennamen kehrten immer wieder: Niemann, Voß, Dillwitz und, hübschester unter ihnen, Bradhering.

Der Name Dillwitz ist slawischen Urpsrungs, ebenso wie der Name Wustrow, denn das Fischland war – wie Mecklenburg und Pommern – vor tausend Jahren eine Slawengegend. Swante-Wustrowe bedeutet Heilige Insel. Auf dem Hügel, der heute die protestantische Backsteinkirche von Wustrow trägt, mit vielbesuchter Aussichtsbalustrade auf dem Turm, mit schöner Orgel, auf der auch außerhalb der Gottesdienste regelmäßig konzertiert wird – auf diesem Hügel stand in heidnischer Zeit ein geschnitzter Holztempel mit roten Vorhängen für die slawische Gottheit Swantewit.

Nach den Windjammern kamen die Dampfer, verächtlich Stinkbüdels genannt, Smökers, Blöderkasten oder Füerfräters. Die dafür erforderlichen, gewaltigen Investitionen konnten nur noch die großen Reedereien in Stralsund, Rostock und Kiel tragen. Die Fischländer heuerten als Mannschaften an; sie galten als tüchtige und kühne Seeleute. Zur Erinnerung an bessere Zeiten blieb dem Fischland nur ein einziges Schiff. Es liegt auf der Bodden-Seite von Wustrow ständig vor Anker.