Vom Aufbruch in der DDR zum Durchbruch der Mauer – Wie weiter in Deutschland?

Von Theo Sommer

In den Herzen der Deutschen lauten die Glocken. Die Nation lebt, ihr Zusammengehörigkeitsgefühl ist ungebrochen; die größte Wiedersehensfeier des 20. Jahrhunderts hat es aller Welt kundgetan. Die Mauer steht noch, aber sie ist vielfaltig durchlöchert, ein Bauwerk auf Abbruch. Auch der Todesstreifen quer durch Deutschland verliert seinen Schrecken; Sperrzone und Schießbefehl sind aufgehoben.

Ironie der Geschichte, Zufall der Begebenheit oder schlussiges Zusammentreffen: Vor 28 Jahren wurde der „antiimperialistische Schutzwall“ unter der Oberaufsicht Erich Honeckers errichtet, jetzt hat, drei Wochen nach dessen Sturz, seine Demontage begonnen. Im August 1961 mußte die SED die Mauer bauen, um das Ausbluten ihres Staates zu verhindern: Nur die totale Abschottung vermochte die hunderttausendfache Westflucht zu stoppen. Im November 1989 aber sah sich die SED gezwungen, die Mauer zu offnen Nur die Reisefreigabe versprach, die neue Massenwanderung nach Westen einzudämmen.

Freilich, die Rechnung von Egon Krenz kann nur aufgehen, wenn es nicht allein bei der Öffnung nach außen bleibt. Damit einhergehen muß eine ebenso dramatische Öffnung nach innen, zur Herrschaft des Rechts, zu politischem Pluralismus und einer marktorientierten Wirtschaft. Das Lenkungsmonopol der SED, das alle anderen zum Kuschen verdammt, muß fallen, mithin der Artikel I der DDR-Verfassung, in dem die „Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei“ festgeschrieben ist. Menschen, die in die Freiheit und den Wohlstand reisen dürfen, wollen beides auch zu Hause erleben.

Das Eingeständnis vergangener Fehler wird den Burgern der DDR nicht ausreichen, um wieder Vertrauen zu fassen; andern müssen sich die Strukturen. Es mag ja etwas Ruhrendes an sich haben, wie die Volkskammer plötzlich Demokratie spielt, aber sie bleibt in ihrer derzeitigen Zusammensetzung doch ein Parlament von Marionetten. Am Ende wird an freien Wahlen nichts vorbeifuhren. Dabei aber muß die SED, wenn sie Respekt gewinnen will, genau das tun, was Egon Krenz noch immer weit von sich weist – sich selbst zur Disposition stellen. Nur wenn sie den Mut zum Selbstmord glaubhaft macht, hat sie eine Uberlebenschance.

Die polnischen Kommunisten haben diese bittere Lektion gelernt, ebenso die ungarischen. Auch die deutschen Kommunisten werden sie lernen müssen. Wenn sie es nicht freiwillig tun, werden die Massen auf den Straßen sie dazu zwingen – wie sie Honeckers Nachfolger ja in den zurückliegenden vier Wochen schon Schritt um Schritt zum Zurückweichen gezwungen haben. Reisegesetzentwurf, Rucktritt der Regierung und des Politbüros, Umbesetzung des neuen Politbüros, Einberufung eines Sonderparteitages anstelle einer bloßen Parteikonferenz, urplötzliche Gewährung von Reise- und Ausreisefreiheit – eine Kaskade von Konzessionen ist das Markenzeichen von Egon Krenz geworden. Handelt er aus Schwache oder aus Stärke? Ist er opportunistisch oder ehrlich? Will er den Wandel oder muß er ihm abgetrotzt werden?