Als Odysseus zurückkehrte nach Ithaka, nach jahrelangen, abenteuerlichen Irrfahrten, hatte er seine größten Abenteuer noch vor sich. Er mußte seine Frau neu erkennen und sein Reich zurückerobern. Das erste Abenteuer bestand er, indem er das Geheimnis ums eheliche Bett offenbarte, dem zweiten hielt er stand durch List, Geschick und brutale Gewalt. Was niemand sonst schaffte, ihm gelang es – den großen Bogen zu spannen und einen Pfeil durch die Schlaufenlöcher von zwölf hintereinander aufgestellten Äxten zu schießen. Beide Abenteuer bilden seitdem die mythische Grundlage so vieler Geschichten – in der Literatur und im Kino.

Hans Hummel (Johannes Herrschmann), Held des neuen Films von Rudolf Thome, kehrt nach Berlin zurück, nach vielen Studienjahren in der Südsee. Jede Menge Krankheiten und Menschen, die so leben wollen wie wir.“ Er muß sein Land neu entdecken, sein Verhältnis zu den Menschen um ihn herum klären, seine Frau finden. Was niemand sonst schafft, ihm gelingt es: die Prüfungen eines verzwickten Computerspiels zu bestehen und den verlorenen Schatz wiederzufinden – und darüber auch Geist und Stimme seines Vaters.

Odysseus mußte unertwegt kämpfen – gegen die riesigen Kyklopen und die Zauberin Kirke, gegen die verführerischen Sirenen und die schreckenerregenden Skylla und Charybdis. Hans Hummel muß einfach lernen, in ungewohnter Umgebung mit gewohnter Ruhe vorzugehen. Seine einäugigen Ungeheuer sind die Frauen, und seine falsche Zauberin heißt Ati; seine Verführer, die locken, um zu töten, arbeiten als Rechtsanwäte, und seine Seeungeheuer sind japanische Geschäftsleute. In Berlin nimmt er das Haus in Besitz, das sein Vater ihm hinterlassen hat – und Thome mag kaum eine Sekunde dieser neugierigen Entdeckung auslassen. Die Zimmer. Die Küche. Die Diele. Die Treppe. Schließlich, am nächsten Morgen, das Schlafzimmer und, so selbstverständlich wie aufregend, ein hellblauer Vorhang, der im Wind flattert.

Mit „Sieben Frauen“ schließt Thome seine Trilogie „Formen der Liebe“ sehr irdisch ab. Nach der grotesken Komödie um einen Mann zwischen zwei Frauen („Das Mikroskop“) und dem Märchen um einen Dichter und anmutige Göttinnen („Der Philosoph“) nun die mythische Geschichte um neue Identitäten und wahre Empfindungen.

Durch den Wechsel an der Kamera (von Martin Schäfer zu Martin Gressmann) ist allerdings viel von der visuellen, durch die Musik von Wolfgang Böhmer viel von der atmosphärischen Aura seiner früheren Filme verlorengegangen. Den Bildern fehlt das Abenteuerliche in Ausschnitt und Licht, der Musik die Spannung zwischen stimulierender und kontrastierender Figuration. Alles ist einfacher, auch eindeutiger und aufdringlicher.

Auch das Versprechen auf sieben Frauen löst sich nicht ein. In einem Text für epd-Film hat Karlheinz Oplustil, Experte für Rivette und Thome, das Dilemma in einem Satz auf den Begriff gebracht: „Das ist enttäuschend: Man ist neugierig auf sieben Frauen, und dann beschert einem die Erzählung japanische Geschäftsleute!“ Und, so wäre noch hinzuzufügen: obskure Rechtsanwälte und dilettantische Gangster. Norbert Grob

Sehenswerte Filme

„Das Winterkind“ von Olivier Assayas. „Georg Elser – Einer aus Deutschland“ von Klaus Maria Brandauer. „Die Verlobung des Monsieur Hire“ von Patrice Leconte. „The Moderns“ von Alan Rudolph. „Sex, Lügen und Video“ von Steven Soderbergh.