Trage ich ihn, meinen feinen Pelz, oder schäme ich mich? Die Gewissensfrage des Monats wird in den Herbst-Blättern, von der Bunten bis zu Harper’s Bazaar, auf ganz individuelle Weise beantwortet. Prominente Mode-Vorbilder geloben reihenweise, ihr kostbares Stück zu verstecken, zu verschenken und nie wieder anzurühren. Ingrid Steeger läßt Dackel Felix darauf schlafen, Nastassja Kinski distanziert sich wortreich ("Ich war sehr jung, sehr unbewußt. Wenn ich heute daran denke, zwölf Wölfe für meinen Mantel – das ist einfach Mord."), und Monika, die Frau des immer gut aufgelegten Fernsehunterhalters Michael Schanze, wendet sich erschüttert ab: "Ich finde Pelze grauenvoll." Der Nerz zur Geburt des Sohnes – ab in die Altkleidersammlung.

Wer sich noch im Kuschelfell auf die Straße wagt, macht heikle Erfahrungen. "Ich bin schon zweimal bespuckt worden", sagt eine 42jährige Hamburgerin, Eignerin eines üppigen Gaewolfmantels, der nun verschenkt werden soll. Sie will nicht warten, bis sie auch noch Opfer eines Sprüh-Überfalls wird, wie jene achtzigjährige Dame im vierzig Jahre alten Seehundjäckchen, der Jugendliche nach der Oper auflauerten, um ihr die Dose unter die Nase zu halten. "Für mich kommt, wenn überhaupt, bloß noch ein Innenpelz in Frage. Mir reicht’s."

Gänsehaut statt Gaewolf. Die Tierschützer triumphieren: Ihre jahrelange Kampagne mit Demonstrationen ("Wieviel tote Tiere machen eine Dame?"), Plakaten und Enthaarungssprays bei Modeschauen, Broschüren und Presseberichten über illegale Fellimporte und Foltermethoden auf Zuchtfarmen hat die Verbraucherinnen erreicht. Erika B., seit acht Jahren Mitglied des Vereins Bürger gegen Tierversuche, hat auch schon einmal die Fensterscheiben eines Pelzgeschäfts besprüht und das Schloß der Ladentür mit Sekundenkleber ruiniert. "Nicht als Vereinsmitglied", wie sie klarstellt, sondern als Privatperson. "Sonst wäre ja die Gemeinnützigkeit des Vereins gefährdet."

Es gibt auch weniger harmlose Aktionen von autonomen Tierschützern, die Tieren gleiche Rechte wie Menschen zugestehen und zur Kompensation erlittenen Unrechts erst einmal die Tiere an die erste Stelle setzen.

"In dem grauen Raum herrschte ein wirres Durcheinander von Pelzen, als hätte ein Kampf zwischen riesigen Katzen stattgefunden. Das Schockierende an der Zerstörung in Mr. Virtues Laden war, wie elegant alles wirkte. Prächtig glänzende Raupen aus Affenfell und schneeweiße Lianen aus Fuchsschwanz krochen an den Wänden herab. Er stieg über einen Haufen malven- und lavendelfarbener Felle ... Es schien, als wären die tierischen Besitzer dieser neu zusammengesetzten Felle zurückgekehrt und hätten die Nacht kämpfend verbracht." So beschreibt die Britin Candia McWilliam in ihrem Roman "Die dritte Seite der Liebe" einen Kürschnersalon nach dem Überfall.

Solche Vorfälle sind rare Ausnahmen, gewiß. Doch die Stimmung ist radikal. In Großbritannien schickte die Tierschutzgruppe Lynx mit großem Echo wochenlang einen drastischen Spot durch die Kinos; auf dem Laufsteg läßt ein kühles Model den Pelzmantel von den Schultern gleiten, aus dem literweise rotes Blut läuft. In Scharen reichten daraufhin Kinogänger die Aufnahmeanträge bei Lynx ein.

Es stimmt: Für einen warmen Fellmantel müssen Tiere sterben, viele Tiere; für ein "ausgelassen" verarbeitetes Modell mit zierlichsten Nähten und schwingender Weite benötigt der Kürschner an die sechzig Nerze. Da überrascht zunächst die Beobachtung, daß die Pelze immer noch billiger werden. Täglich bringen Zeitungen ganzseitige Annoncen, in denen haarige Schnäppchen ausgerufen werden. Pastell-Nerz-Jacken, "in sportlicher Optik", für schlappe 2350 Mark, Luchskatzenmäntel, "edle Optik, modische Eleganz", für weniger als 10 000, Waschbär für nicht einmal 4000 Mark. Doch offenbar ist die werte Kundschaft mittlerweile so skeptisch, daß auch solche Lockvögel sie nicht recht ermuntern können. Die Pelzabteilung der Hamburger Horten-Filiale an der Mönckebergstraße hat deshalb vor einem Jahr geschlossen; bei Karstadt, ein paar hundert Meter weiter, gibt es weitaus mehr Sonderangebote als "reguläre" Ware.