Von Andreas Molitor

"Schmeicheln wir uns nicht zu sehr mit unseren Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns." Friedrich Engels

Als die ersten Rinder und Schafe in der Umgebung des Fluorwerkes Dohna im Bezirk Dresden mit gebrochenen Knochen brüllend auf der Weide lagen, wunderten sich die Leute von der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft noch. Dann fand man Fluor in den Knochen der Tiere; Fluor aus den Schloten des nahe gelegenen Werkes. Der Schadstoff hatte sich mit der Zeit in den Knochen angereichert, ihnen Kalzium entzogen und sie brüchig gemacht. Schließlich kippten die Tiere einfach um. Dieser Mißstand ist mittlerweile abgestellt, weil die Tierproduktion umgestellt wurde – auf Hähnchenmast. In einem kurzen Masthähnchenleben können sich nämlich kaum Schadstoffe anreichern.

Heute wird das eher als Notlösung betrachtet. Man habe zunächst keine andere Wahl gehabt, meint Hans-Günther Däßler, einer der führenden Rauchschadensforscher der DDR, aber die Probleme könne man so selbstverständlich nicht lösen: "Das geht nur, wenn die Industrie endlich den Schadstoffausstoß senkt. Darauf kommt es an." Das sagt er auch den Leuten von der Defa, die einen Film über Umweltprobleme in der DDR drehen und wissen wollen, wie es um den Wald in der Republik bestellt ist. Däßler weicht nicht aus, nennt Zahlen: "Zur Zeit sind 37 Prozent des Waldes krank, und die Schäden werden wohl in den nächsten Jahren noch leicht zunehmen." Vor ein paar Jahren noch wurde im Neuen Deutschland von "Fortschritten bei der Rekonstruktion der Bäume des Thüringer Waldes" berichtet.

Kritik an Umweltsünden kam in der DDR lange Zeit ausschließlich von kirchlichen Öko-Initiativen. Doch mittlerweile ist auch außerhalb der Kirchen ein Umweltbewußtsein entstanden; an den Universitäten, in den Rathäusern, sogar in den Denkfabriken der SED. Da gibt es Kritik an der Wachstumsgläubigkeit der Ökonomen, Forderungen nach härteren Strafen für Umweltsünder, offene und kritische Berichterstattung in den Medien und die Frage, warum es das bisher nicht gegeben hat.

Es bleibt nicht bei Ankündigungen: Vor zwei Wochen beschloß der DDR-Ministerrat, künftig alle wichtigen Umweltdaten zu veröffentlichen – fast eine Sensation. Bisher unterlagen solche Informationen der strikten Geheimhaltung. Jetzt können die DDR-Bürger täglich in der Zeitung lesen, wieviel Schwefeldioxid durch die Kraftwerksschlote in die Luft geht und wie schlecht es um die Wasserqualität von Elbe, Saale und Pleiße bestellt ist. "Das Ende einer Geheimniskrämerei, die über Jahre zu erheblichem und unnötigem Mißtrauen in Sachen Umweltschutz bei uns geführt hat", lobt das FDJ-Organ Junge Welt den Beschluß. Unabhängige Öko-Gruppen dürfen sich in den Betrieben vor Ort informieren. Auch das galt bisher als undenkbar. Und mit dem kürzlich verfügten Stopp für eine im Dresdner Stadtteil Gittersee geplante Chemiefabrik, die noch vor wenigen Monaten gegen den erbitterten Widerstand der Dresdner Bevölkerung verteidigt worden war, wurde erstmals ein umstrittenes Großprojekt gekippt.

Daß es nur im Sozialismus saubere Luft und klares Wasser geben kann und allein der Kapitalismus an der Umweltzerstörung schuld ist, wird in den langweiligen Theorieorganen zwar hin und wieder immer noch behauptet, pflichtgemäß. In der ernsthaften Diskussion über Umweltprobleme ist für solche Phrasen kaum noch Platz. Selbst der amtierende DDR-Umweltminister Hans Reichelt, der vor Jahren noch mit der Äußerung "Diese Umwelthysterie tun wir nicht mitmachen" verblüffte, gibt sich heute nachdenklich, setzt auf internationale Kooperation und freut sich, wenn der Westen wieder einmal ein paar Millionen Mark für Umwelthilfe locker macht.