Von Tilman Spengler

In Frankfurt, auf der Messe, beschwor mich einer, mit dem ich früher Schach gespielt und über den Schah gewitzelt hatte, ich müsse "Die Satanischen Verse" von Salman Rushdie mit den Augen eines Moslems lesen. "Bücher sind Drogen", sagte er, in seinem Englisch klang es wie ein ungewolltes Wortspiel, "jedenfalls manche Bücher, und die Hersteller und Vertreiber von Drogen müssen sich über ihr Risiko im klaren sein".

Ich machte ihm ein Kompliment über seinen wohlgeformten Bart und versprach, mindestens beim zweiten Mal zu versuchen, wie ein Moslem zu lesen. Was ziemlich großmäulig war, Religionen kann man schließlich nicht aufsetzen wie Lesebrillen. Und meine Erfahrungen mit Orthodoxie stammen sämtlich aus dem Katholizismus.

Ich probierte es mit einer erborgten Empfindlichkeit. Rief mir ins Bewußtsein, daß manche Eigenheiten des islamischen Fundamentalismus nur aus einer Verletztheit verständlich sind, die aus der Geschichte des Kolonialismus herrührt. Besann mich darauf, daß in einigen Ländern – wie im Iran – die Gattung des Romans noch relativ jung ist (dort sind es gerade sechzig Jahre). Las mir an, daß die philologisch-kritischen Arbeiten am Koran aus akademischen Institutionen stammen, die – aus der Perspektive der Kernländer des Islam – gottlos-feindliches Ausland sind. Erinnerte mich an die – im Vergleich zu Reaktionen auf Rushdies Buch allerdings lammfromme – Empörung, die John Wansburghs "Quaranic Studies" seinerzeit in Oxford ausgelöst hatten.

Es half nichts. Wie stark ich mich auch um eine zweite Leserrolle bemühte, am Ende der 535 Seiten war mir immer noch nicht nachfühlbar, was die Windhosen der Empörung bewegte. Gewiß, man kann aus dem Roman die eine oder andere Zeile klauben, die eine oder andere Zeile in Aspik setzen, aber ich unterstelle auch bei Fundamentalisten – gleich welchen Bekenntnisses – ein Intelligenzniveau, das sich nur um den Preis der Unglaubwürdigkeit unterschreiten läßt. Und von diesem Niveau aus argumentierend, haben "Die Satanischen Verse" mit der böswilligen Kränkung von Heilsgewißheit wirklich nicht das Geringste zu tun. Ein religiöser Gegner des Islam, ein rachebesessener Apostat sucht hier vergeblich nach Deftigem oder Denunziatorischem, zuallererst deswegen, weil für Salman Rushdie nur eine Religion zählt: die Phantasie als Transsubstanziationslehre von Vergangenheit und Zukunft.

Mehrfaches Lesen mit wechselnden Augengläsern hin oder her, nacherzählen kann ich den Roman noch immer nicht. Jedenfalls, wenn Nacherzählen bedeutet, den narrativen Knoten mit dünnerem Faden noch einmal zu schnüren, bei ausgewogener Berücksichtigung von Motivbündeln, dramatischen Bögen, Spitzkehren der Leidenschaften, Nebenschauplätzen et cetera. Ich halte das für eine der Stärken des Romans. Tristram Shandy kann ich auch nicht nacherzählen, obwohl ich den viel häufiger gelesen habe. Zu schweigen von der Handlung des "Troubadour". Außerdem scheint es den Verfassern des Klappentextes – im englischen Original wie in der deutschen Nachfassung – auch nicht besser ergangen zu sein. Der blütenprächtigere englische Text verspricht dem Leser im letzten Absatz "eine Reise zum Bösen und zum Guten, die unauflöslich vereint in den Herzen von Mann und Frau liegen". Das ist nicht ganz falsch, wenn auch nicht sehr konkret.

Die groben Züge: Zwei Schauspieler, Gibril Farishta und Saladin Chamcha stürzen vom Himmel – als einzige Überlebende eines von Terroristen gesprengten Flugzeugs. So erreichen beide England, das Ziel ihrer unterschiedlichen Träume. Gibril sucht hier nach seiner Geliebten, eine Art jüdische Reinkarnation eines weiblichen Reinhold Messmer, mit Namen Alleluia Cone. Saladin strebt nach der Vertrautheit einer Traumheimat, der er sich mühevoll angeeignet hat: dem Bilderbuch-London seiner Bombayer Kindheit. Saladin, dessen Gesicht für das englische Farbfernsehen "die falsche Farbe" hat, erfreute sich bis zu jenem Absturz einer steilen Karriere als Stimmengeber in Radio und in der Werbung, verkörperte virtuos Ketchup-Flaschen und Knuspergebäck. Sein Flug- und Sturzbegleiter Gibril war der Superstar aller möglichen Götter- und Heiligenrollen der indischen Filmwelt.