Wer Geld spendet, kann Rechenschaft verlangen

Von Hanno Kühnert

Weihnachten naht – und damit jene Stimmung, die spendensammelnde Organisationen zu gesteigerter Aktivität anregt. So liegen wieder Schreiben von Hilfsvereinen für die Dritte Welt, gegen Hunger und Armut, im Briefkasten. Diese oft mit beklemmenden Bildern von sterbenden Kindern oder hohläugigen Erwachsenen versehenen Briefe machen den Griff zum Scheckformular zu einem Reflex des schlechten Gewissens. Es sind häufig internationale Organisationen, die um Spenden oder gar Patenschaften für die Armen bitten. Spender haben aber auch Zweifel, ob ihr Geld die hungernden Adressaten erreicht. Denn Spender und Journalisten, die diesen Spendenorganisationen nachgingen und den Hilfsgeldern hinterherrecherchierten, brachten auch schlechte Kunde: Manchmal gelangen nur geringe Beträge oder schlicht gar nichts an die eigentlich Bedachten, die das Herz rührten. Die großen Organisationen, hochnotpeinlich nach dem Verbleib der Spendengelder befragt, verweigern allzuoft Auskunft und tun empört, daß man überhaupt fragt und drohen Prozesse mit hohen Streitwerten an.

Nun hat einer der großherzigen Spender, der Münchener Musiker Leonhard Seifert, herausgefunden, daß der Internationale Hilfsfonds (IH), der für Geld-Patenschaften in der Dritten Welt in deutschen Zeitungen wirbt und dessen Koordinationsstelle in den USA von einem gewissen Joseph L. Bass geleitet wird, nur einen geringen Bruchteil seiner Spenden den Armen überhaupt zukommen ließ. Der IH ist ein Ableger des in Friedrichsdorf ansässigen Deutschen Missionszentrums. Das Missionszentrum/IH soll den Spendern über die Verwendung der Spendengelder Rechnung legen, also Auskunft darüber geben, was von der sogenannten Direkthilfe bei den Bedachten ankam. Die zwölfte Zivilkammer des Landgerichts Frankfurt hat das in einem jetzt schriftlich vorliegenden Urteil angeordnet.

Fälschungen für Pateneltern

Seifert hatte seit 1983 Patenschaften für mehrere Kinder in thailändischen Flüchtlingslagern übernommen und bis März 1987 etwa 6000 Mark an den IH gespendet. Zwischen 1985 und 1987 ist er wiederholt in thailändische Flüchtlingslager gereist, um sich über die Verwendung seiner Spendengelder zu informieren – mit deprimierendem Ergebnis. In einem Schreiben an den IH berichtete der enttäuschte Musiker vom Besuch bei einem seiner Pätenkinder und beschwerte sich darüber, daß die Gelder nicht ankämen. Er skizzierte die Arbeit des Thai-Mitarbeiters von IH so: "Direktor Seri Tae hockt immer noch zwischen Bibeln und hält seine täglichen Gottesdienste – bezahlt vom Patengeld oder durch Kindergesichter eingetriebenes Geld – ab. Sonst produzieren seine Angestellten meist Fälschungen für Pateneltern, oder sie spielen Halma (sechs Personen). Unglück von Flüchtlingen interessiert keinen der Angestellten."

Auf sieben Reisen, teilweise mit seinem Münchener Orchester, ermittelte Seifert bei den ängstlichen und überaus zurückhaltenden Thai-Familien, daß diese von den jeweils für sie gespendeten 2000 Mark erst Jahre später gerade mal 130 Mark erhalten hatten. Nun ging der Musiker an die deutsche Öffentlichkeit und berichtete im Bayerischen Rundfunk über seine Erfahrungen.