Von Hansjörg Graf

Ein schönes Buch, meinte die Sortimenterin vom Münchner Marienplatz. Muß ich diesem Urteil widersprechen? Kann ich es? Das Unbehagen an der Schönen Literatur ist alt; ebenso das Mißtrauen gegenüber den Belletristen. Schon Goethes Werther ärgert sich über seinen Chef, der den Schöngeistern Mangel an „gründlicher Gelehrsamkeit“ vorwirft. Das Vorurteil gegen den Autor, der „nur“ unterhalten will, sitzt hierzulande tief. Oder sind es berechtigte Ressentiments gegenüber jenen, die das Mißverhältnis zwischen Anspruch und Resultat nicht vertuschen können?

Ist Rosetta Loys Roman „Straßen aus Staub“ ein „schönes“ Buch? Die Ästhetik ist handgreiflich: Schon der Einband aus Pappe mit dem Bildmotiv von Corot müßte jeden Leser mit bibliophilen Neigungen in Verzückung geraten lassen; der angenehme Satzspiegel tut ein übriges. Die Verpackung überzeugt also. Und der Inhalt?

Rosetta Loy, deren Vater aus dem Piemont stammt, erzählt die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner im Montferrat östlich von Turin; die particulan, denen das Land gehört, und das Gesinde leben unter einem Dach; soziale Gegensätze sind kein Thema, weil Herr und Knecht eine Großfamilie bilden. Also eine heile Welt? Rosetta Loys Album setzt sich aus einer Bildstrecke zusammen, die von den Napoleonischen Kriegen bis zum Risorgimento reicht. Der Gutshof erscheint als der ruhende Pol in den Stürmen der Geschichte.

Die „Straßen aus Staub“ geben etwa sechzig Jahre zu Protokoll; in diesem literarischen Patchwork sind die Schicksale von drei Generationen miteinander verwoben. Was andere Autoren – ich nenne bewußt Riccardo Bacchellis „Mühle am Po“ – zu epischer Breite verführt, schafft Rosetta Loy im Rahmen eines relativ schmalen Buches. Sie pfeift auf die Gesetze der Poetik, wo eine Ökonomie des Erzählens geboten ist; sie greift vor und blendet zurück; sie versteht sich darauf, in stille Wasser einen Stein zu werfen, Episches dramatisch aufzumöbeln.

Souverän hantiert Rosetta Loy mit Zeitraffer und Zeitlupe. Die Verliebtheit ins Detail, wie wir sie von den Miniaturisten des Biedermeier kennen, ist ihr ebenso vertraut wie der Lapidarstil der Chronisten. Die sprachliche Anbiederung an einen Dialekt, dessen deutsches Pendant auch im Glücksfall eine Verlegenheitslösung wäre, versagt sich die Autorin. Das Bäurische wird dort sichtbar, wo Genitivformen durch Präpositionen ersetzt werden. Jedenfalls meine ich, daß eine Wendung wie „die Brüder von der Rosetta“ nicht als Ungeschicklichkeit der Übersetzerin, sondern als Konzession an die Umgangssprache bewertet werden muß.

Auf den ersten Blick erfüllt Rosetta Loys Familienchronik auch Voraussetzungen eines Schmökers. Liebe, Verrat, Krieg, Tod und Naturkatastrophen gehören zum Repertoire eines Romans, der ein Fest der Sinne inszeniert. Doch bilden Gerüche, Klänge, Farben und Gebärden eine Synästhesie, die weitgehend auf die direkte Rede verzichtet. Der Dialog, dieses Grundmuster vollmundiger Prosa, fehlt in Rosetta Loys Roman so gut wie ganz; die Autorin vermeidet jegliche Form von Geschwätzigkeit; das Schweigen hat in ihrer Geschichte das Sagen. Man fügt sich ins Unvermeidliche und verdrängt den Widerspruch.