Bremen

Freitag abend, zehn nach zehn, in der Talkshow III nach neun. Rainer Otto, Chef der Leipziger "Pfeffermühle", findet es "einfach nicht erträglich, daß mir jetzt Funktionäre, die vor Monaten, vor Wochen noch versucht haben, mir ins Programm reinzureden, schwören, das würde nicht wieder vorkommen". Der Schwur nütze nichts, in die DDR-Verfassung müsse wieder der Satz von 1949 rein: "Eine Zensur findet nicht statt."

Da lächelte der Moderator Giovanni di Lorenzo feinsinnig und sprach dann die reine und lautere Unwahrheit: "Ein Glück, daß Sie hier in der Bundesrepublik sind, da gibt es so etwas natürlich nicht."

Vierzig Minuten später rückte er mit der Wahrheit heraus. III nach neun stand an diesem Abend unter der Zensur von Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg. Lorenzo: "Wir hatten heute abend vor, die Big Band der sowjetischen Streitkräfte in der DDR einzuladen, weil die phantastisch Glenn Miller spielen. Die wollten auch kommen." Alles war wohlvorbereitet – Giovanni di Lorenzo: "Wir waren happy" –, da machte der sowjetische Kulturattaché darauf aufmerksam, daß aus formalen Gründen der Bundesverteidigungsminister die Einreise der Armee-Band genehmigen müsse.

Kein Problem, dachte Wolf Neubauer, zuständiger Redakteur der Sendung bei Radio Bremen, der Minister war schließlich schon einmal sein Gast in III nach neun gewesen. Am 18. Oktober schrieb er einen Brief an Stoltenberg. Keine Antwort. Neubauer: "Dann hat mein Direktor noch mal geschrieben, dann habe ich telephoniert und getelefaxt." Doch erst am 2. November kam eine Antwort aus dem Verteidigungsministerium. Die lautete: "Ihre Bitte um Auftritt der Westgruppe der Sowjetischen Truppen in der Sendung am 10. November 1989 ist sorgfältig, vor allem aber unter voller Würdigung der verbesserten Beziehungen zur Sowjetunion geprüft worden." Ausschlaggebend für Entscheidungen über "gegenseitige militärische Begegnungen" – die Moderatoren hatten nicht die Absicht, mit der Armee-Band Kriegsspiele zu veranstalten – sei das "Prinzip der Gegenseitigkeit". So werde der Besuch der Bundesmarine in Leningrad nächstes Jahr durch einen Besuch der sowjetischen Flotte in der Bundesrepublik beantwortet. Gleiches müsse "auch für den Austausch von Musikkorps" gelten. Darum: "Wir bitten um Verständnis, daß Ihrem Anliegen zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht entsprochen werden kann." Unterschrift Winfried Dunkel – ein Oberstleutnant, der als Sprecher von Minister Stoltenberg fungiert.

Neubauer, der nicht verstand, wie III nach neun zu der "Ehre gekommen war, als militärische Institution zu gelten", rief Dunkel an. Doch da war kein Mißverständnis aufzuklären. Im Gegenteil, das Verteidigungsministerium hatte alles noch schlimmer gemeint. Im Brief hatte Dunkel noch getröstet: "Wenn sich die Lage" – welche Lage, die strategische? – "zu einem späteren Zeitpunkt unter Berücksichtigung des Prinzips auf Gegenseitigkeit verändert, wären die Voraussetzungen für eine Zustimmung grundsätzlich gegeben."

Grundsätzlich. Aber nicht für jeden. Am Telephon erfuhr Neubauer von Dunkel: "Ja, da kriegen die doch einen Fuß in die Tür." Neubauer ließ erkennen, daß er die Ablehnung durch das Ministerium nicht als Geheimsache behandeln werde. Darauf habe ihm Dunkel gedroht, dann könne er ihm garantieren, daß zumindest Radio Bremen die Band nicht als erster haben werde. Das Verteidigungsministerium zensiert nicht nur, es macht auch Programmpolitik – die Redakteure von Radio Bremen sollen strammstehen.