Von Christian Schmidt-Häuer

Tage der offenen Tür beim KGB. Das Komitee für Staatssicherheit ist bemüht, In- und Ausländern bisher ungeahnte Einblicke in die "Organe" und sich selbst ein besseres Image zu geben. Anfang November standen drei KGB-Generäle zur Hauptfernsehzeit neunzig Minuten lang live Anrufern aus der ganzen Sowjetunion Rede und Antwort. Die Fragen reichten von schwärzesten Zeiten bis zu buntesten Phantasien: von Stalins Terror über psychiatrische Kliniken bis zur Erkundigung, ob sexuelle Einsatzbereitschaft zur Voraussetzung für Spionage gehöre.

Ende Oktober ließ es sich der KGB gefallen, daß 1500 Demonstranten seinen Hauptsitz, die Lubjanka, mit Kerzen in der Hand, als Mahnwache umstellten. Zuvor hatten amerikanische Juristen die Lubjanka sogar besuchen dürfen und an dieser Stätte, an der "die Besten, der Stolz und die Blüte unserer Völker gemartert und gefoltert wurden" (so der Abgeordnete Jurij Wlassow im Sommer vor den Volksdeputierten), erfahren, daß die Tätigkeit des KGB künftig durch ein öffentliches Gesetz geregelt werden solle.

Außer Frage steht, daß die gegenwärtige KGB-Führung den Übergang zu einer moderneren und aufgeklärteren Gesellschaft unterstützt. Offen bleibt, ob dabei der ganze Verein an einem Strang zieht und wieweit die Willkür der Überwachungspraxis überhaupt zu kontrollieren sein wird. Ich bin zum Beispiel gespannt, wie sich zukünftig Begebenheiten wie die folgende verhindern lassen:

Vor einiger Zeit lernte ich einen Mann kennen, dessen Lebenslauf nahezu unfaßbar klang. Aus einer Familie bolschewistischer Revolutionäre stammend, war der junge Fachhochschullehrer nach dem deutschen Überfall in der besetzten Ukraine als Späher (raswedschik) zurückgeblieben. Als seine-Verbindungen abrissen, wollte er an die Front, fiel dabei – noch kein Soldat – in deutsche Hände, konnte sich befreien, schloß sich der Roten Armee an, wurde verwundet, ließ sich zur Gegenspionage im besetzten Rumänien einsetzen, kam schließlich mit den sowjetischen Truppen bis nach Dresden.

Ausgezeichnet mit dem Roten Stern für besondere Tapferkeit, studierte er in Moskau, bis er 1948 verhaftet, in die Kellerverliese der Lubjanka gesperrt und als deutscher Spion zu 25 Jahren Lager verurteilt wurde. Er kam in die Kohlengruben von Workuta im hohen Norden, wo in diesen Wochen die sowjetischen Bergarbeiter streiken. 1953 und 1955 gehörte er zu den Organisatoren der beiden legendären Gefangenenaufstände von Workuta; beim zweiten wählten ihn die Streikenden zum Anführer. Nach Chruschtschows Amnestien kam er zwar frei, stieß aber weiter mit den Behörden zusammen, die den von seiner Überlebensgeschichte manisch geprägten Mann zum Querulanten abstempelten. Im Gedenken an seine gestorbenen Mitgefangenen und im Kampf um das eigene Recht schloß er sich der Gesellschaft Memorial und der Perestrojka an – mit ungezügelten Emotionen und politisch verschwommenen Positionen. Vor drei Monaten erreichten auch ihn endlich die jetzigen Massen-Rehabilitierungen: Nach vierzig Jahren als "Landesverräter" ist er nun unschuldig.

Als dieser Mann mir seine Lebensgeschichte in stundenlangem Stakkato, mit erregten Ausbrüchen, erschütternden Details, mit Hunderten genau memorierter Daten und Dialoge erzählt hatte, entschloß ich mich, Zeugen für dieses Schicksal zu suchen. Spontan rief ich am Montag morgen die Tochter eines Ende der dreißiger Jahre erschossenen Altrevolutionars und engen Weggefährten von Lew Trotzkij an. Sie hatte den Namen des Rebellen von Workuta schon früher in respektvoller Erwähnung gehört und ihn selbst in jüngerer Zeit zweimal bei öffentlichen Auftritten erlebt. Dabei hatten seine unkontrollierten Ausbrüche bei ihr gemischte Gefühle hinterlassen. Wir verständigten uns darauf, daß ein Mensch mit solch einem Schicksal – gerade wenn es in allen Einzelheiten den Erzählungen entsprach – für immer gezeichnet, geprägt sein müsse. Dieser Lebensbericht verlange nach einer Aufzeichnung, mit Verständnis für seine psychische Verfassung, aber auch mit genauer Überprüfung der Fakten.