Von Roland Röhl

GÖTTINGEN. – Ein Atomkrieg gilt unter verständigen Menschen gemeinhin als nicht führbar. Selbst bei einem (schwer vorstellbaren) begrenzten Einsatz nuklearer Waffen wäre auf beiden Seiten der Front mit Millionen von Toten und auf unabsehbare Zeit verseuchten Landstrichen zu rechnen. Das, was verteidigt werden sollte, würde vernichtet werden. Aber wäre das bei einem „nur“ konventionell geführten Krieg in Europa anders?

Das Beispiel des Zweiten Weltkrieges taugt längst nicht mehr zur Anschauung. Allzu vieles hat sich in den vergangenen Jahrzehnten qualitativ verändert. Heute umgibt uns ein industrietechnisches Gefahrenpotential daseinsbedrohender Dimension. Chemiefabriken und Atomkraftwerke zum Beispiel stehen in großer Dichte bereit, um im Kriegsfall von einem Angreifer nur noch „gezündet“ zu werden. Tanks und Rohrleitungen für Gas- und Ölvorräte können die Zerstörungskraft darauf gerichteter konventioneller Waffen vervielfachen. Eine Bombe, in einer Giftmülldeponie abgeworfen, würde sowohl das Grundwasser als auch die in Windrichtung liegende Umgebung verseuchen. Dabei wären die Folgen jeweils weit gravierender als nach herkömmlichen Industrieunfällen, da sich das Rettungswesen im Krieg kaum noch auf eine intakte Infrastruktur stützen könnte.

Eine neuartige Bedrohung stellen auch die modernen Errungenschaften unseres Kunststoff-Zeitalters dar. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten niedergebrannte Städte wie Hamburg, Dresden und Tokio, ja sogar Hiroshima und Nagasaki wieder aufgebaut und besiedelt werden. Heute würde eine Großstadt praktisch unbewohnbar, weil beim Verbrennen der allgegenwärtigen Kunststoffe immense Mengen langlebiger und hochtoxischer Gifte entstünden.

Wir sitzen heute jedoch nicht nur auf einem technisch-industriellen Pulverfaß. Wir hängen überdies an einem zivilisatorischen Tropf. Nahezu jeder Vorgang in unserer Gesellschaft hängt von intakten zentralen Versorgungssystemen ab. Ohne Strom beispielsweise funktioniert fast gar nichts mehr. Der aber läßt sich durch Angriffe auf die wenigen zentralen Umspannstationen, von denen aus das gesamte Fernleitungsnetz bedient wird, leicht „ausschalten“. Die industrielle Produktion und die zivile Versorgung brächen zusammen. Sämtliche elektronischen Steuerungseinrichtungen, die gesamte Computerwelt versagte. In den Krankenhäusern würden – ohne unmittelbaren Beschuß – Tausende von Brutkasten-Babys, Dialyse- und Beatmungspatienten sterben, denn auch die vorhandenen Notstromaggregate können nur eine begrenzte Zeit überbrücken. Selbst die für Krisenzeiten vorgesehenen Notbrunnen werden zum großen Teil mit elektrischen Pumpen betrieben.

Niemand kann heutzutage in einer Stadt Nahrung kaufen, wenn die Supermärkte nicht mehr beliefert werden. Aber auch auf dem Lande käme die agrarische Produktion ohne Elektrizität und Treibstoffnachschub zum Erliegen. Die heutigen High-Tech-Viehzuchtställe brauchen Strom; Traktoren benötigen Diesel. Pferde, die der Bauer notfalls vor den Pflug spannen könnte, gibt es kaum noch.

Jegliche militärische Gewaltaktion würde die moderne Industriegesellschaft in den totalen Kollaps stürzen. Sicherheitspolitik kann sich nicht mehr auf Streitkräfte stützen. Der große Atomhammer ist ebenso überholt wie die konventionelle Dicke Berta, die Drohung damit gleich unglaubwürdig. Militärische Sandkastenspiele – egal ob Vorwärtsverteidigung oder Defensivkonzepte zur strukturellen Angriffsunfähigkeit – sind schlicht anachronistisch. Industriegesellschaften sind strukturell kriegsunfähig.

  • Roland Röhl ist freier Wissenschaftsjournalist in Göttingen,