ARD, 5. bis 15. November, in vier Teilen: „Radiofieber“

Es gibt Fernsehfilme, deren raison d’être darin zu bestehen scheint, Fehler und Fallen zu meiden. Deren Macher sich gleichsam zu bewußt sind, was alles mißlingen kann, wenn man, zum Beispiel, einen historischen Unterhaltungsfilm über das Medium Hörfunk dreht. Da könnte die geschichtliche Wahrheit zu kurz kommen: Die Tatsache, daß das Radio sich der militärischen Forschung verdankt, muß unbedingt Bild und Sprache werden – samt Erstem Weltkrieg, deutscher Revolution und später der faschistischen Medieistrategie.

Es könnte aber auch die Unterhaltung leiden. Also bloß nicht lehrhaft werden, ja kein Schulfunk, immer hart am Einzelschicksal bleiben. Damit letzteres das Deutsche Reich soziographisch getreu spiegle, sei es vervielfacht und auf Unter-, Mittel- und Oberschicht fein verteilt, unten aber nicht zu tümlich, oben nicht zu rühmlich, in der Mitte bitte nicht zu doof. Und damit das Klischee nicht durchschlage, arbeite man mit unbekannten Gesichtern. Wenn dann noch die Dialoge lebensnah, die Songs frivol und die Schauplätze bunt und wechselhaft ausfallen, kann eigentlich nichts schiefgehen.

Das muß es leider gerade dann, wenn eine todsichere Fehler- und Fallenvermeidungsstrategie den Erfolg erzwingen soll. Es reicht nicht, zu beweisen, daß man Tücken vorhersieht. Wenn die Geschichte zu nichts mehr taugt, als zu demonstrieren, daß die Filmemacher ein Handwerk gelernt haben, dann ist sie verschenkt.

Wahrscheinlich tue ich Peter Märthesheimer und Pea Fröhlich (Buch) und Dieter Haugk (Regie) unrecht, die mit „Radiofieber“ gewiß eine Botschaft oder auch bloß Spaß an der Freud’ in die Wohnstuben funken wollten – aber bei mir kann nicht mehr an als die dürftige Mitteilung: Seht her, wir machen keine Fehler. Bei uns ist die historische Wahrheit lustig und menschlich, und die Menschen sind historisch, lüstern und aus allen Klassen. Technik ist sozial und das Soziale technisch bedingt, und die unverbrauchten Gesichter unserer Mädels Cathrin Vaessen und Petra Zieser verbürgen den Schmelz der Authentizität. Oder etwa nicht?

Doch, doch. Aber warum macht es mich nicht froh? Weil das alles gar zu locker durcheinandertändelt, weil das viel zu neckisch miteinander anbändelt, weil’s da keine Not gibt, diese Geschichte jetzt und so zu erzählen. Weil’s dann doch in Schulfunk umschlägt, wenn das Radio vom Truppenkommunikator zum Massenverführer aufsteigt, eifrig gefeatured von Industriellen, Militärs und Postlern. Weil’s dann doch in die Kolportage rutscht, wenn die Karriere zweier Diseusen, einer höheren Tochter und eines Proletenkindes, als saftig-kulinarischer Kontrapunkt intoniert wird. Weil, mit Verlaub, nicht einzusehen ist, warum die unverbrauchten Gesichter gleich alle beide mit jener Art Kistenteufeltemperament ausgestattet sein müssen, das vor der Erfindung des Mikrophons für die Kleinkunst geeignet machte. Und weil, zu guter Letzt, dieser ganze Zwanziger-Jahre-Zauber mit Verworfenheit und Bürgerkrieg und dunklen Hinweisen auf eine grause Zukunft als Szene für neudeutsche Kostüm- und Requisitenfilme allmählich nicht mehr auszuhalten ist. Jedenfalls nicht von mir.

„Radiofieber“ ist hervorragend durchkalkuliert und gerade deshalb nichts geworden. Kalkulieren kann jeder. Filme brauchen mehr – früher nannte man das Handschrift. Barbara Sichtermann