Eisberge! Nie werde ich diesen Ruf vergessen und ebensowenig die Folgen. Denn es waren wohl zwei Zentner Lebendgewicht, die sich in diesem Augenblick über mich wälzten und meine unbeschuhten Füße als Abstützfläche nutzten.

Panik an Bord eines Kreuzfahrtschiffes im Eismeer? Mitnichten! Der wuchtige Überfall passierte in 11 000 Meter Flughöhe an Bord eines Linienjets und verdarb mir gründlich die bis dahin ungetrübte Freude an meinem Fensterplatz. Mein Nachbar nämlich versuchte, die Eisberge vor Grönlands Westküste mit seiner Pocketkamera einzufangen: „Es sind meine ersten, wissen Sie.“ Da faßte ich den Entschluß, im Flugzeug nie wieder einen Fensterplatz zu belegen.

Solcher Situationen war der Verkehrsausschuß des Deutschen Bundestages wohl kaum eingedenk, als er jetzt verlangte, den Paragraphen 27 des Luftverkehrsgesetzes zu streichen. Dieser verbietet das „Fotografieren aus Luftfahrzeugen außerhalb des Fluglinienverkehrs“. Eine ungemein sinnreiche Regelung, besagt sie doch, ins pralle Leben übersetzt, ungefähr dies: Wer an Bord eines Linienjets in der Warteschleife über Frankfurt seine Kreise zieht, darf mit dem offiziellen Segen des Gesetzgebers nach Herzenslust aus dem Fenster knipsen. Wer hingegen aus einem Jet die Welt tief drunten ablichtet, riskiert bis zu 5000 Mark Geldstrafe. Theoretisch jedenfalls.

Denn in Wirklichkeit hatte diesen Passus bisher kaum jemand gekannt. Oder haben Sie auf einem der beliebten Urlaubs-Dia-Abende beim Nachbarn jemals die gesetzlich vorgeschriebene Einblendung gesehen: „Luftbild Nr. soundso, freigegeben durch den Regierungspräsidenten“ ?

So hat denn der Bundestagsabgeordnete, der den Stein ins Rollen brachte, durchaus recht, wenn er den absurden Gummilinsen-Paragraphen für das „Paradebeispiel einer überkommenen und überflüssigen Vorschrift“ hält. Zustimmend nicken können wir auch, wenn der Mann zudem resümiert: „Die Streichung bietet die Chance, viele Beamte in den Regierungspräsidien der Länder sinnvoller einzusetzen.“

Offenbar nicht bedacht hat der Verkehrsausschuß, was er mit dem sicherlich gutgemeinten Wegfall des Photographierverbots im Rahmen des Dritten Rechtsbereinigungsgesetzes den Fluggästen auf den Fensterplätzen antut. Die sind nun vollends vogelfrei der Willkür ihrer knipsenden Nachbarn preisgegeben. Oder, um es nach dem schmerzhaften Grönland-Erlebnis etwas deutlicher zu sagen: Minderheitenrechte werden wieder einmal mit Füßen getreten.

So bleibt mir nur, meinen Schwur von damals erneut zu bekräftigen: „Nie wieder Fensterplatz!“ Wer wird da noch behaupten wollen, Erfahrung mache nicht klug?

Wolfgang Weber