Von Nikolaus Piper

Die Mauer fiel, und der Kapitalismus reagierte genauso, wie es sich gestandene Kommunisten in ihren Alpträumen während der vergangenen 28 Jahre der Abschottung vorgestellt haben mögen: mit Spekulation auf Profite in einem – wie auch immer – wiedervereinigten Deutschland.

Als am Freitag vergangener Woche allen klar war, welche Dramatik der Wandel in Deutschland-Ost angenommen hatte, haussierten in Deutschland-West die Wertpapierbörsen. In Frankfurt stieg der Deutsche Aktienindex (Dax) um fast 2,5 Prozent auf 1496 Punkte. Ein bemerkenswerter Boom, denn am Tag zuvor noch hatte der Dow Jones Index in New York zwanzig Punkte verloren – normalerweise ist ein schwacher Markt an der Wall Street ein nahezu sicieres Indiz für ein lustloses Geschäft auf dem bundesdeutschen Börsenparkett.

Doch nach der Öffnung der DDR-Grenzen machten sich die deutschen Märkte zeitweilig auf einen Sonderweg. Der Mini-Crash vom 13. Oktober war vergessen, die Börsianer stürzten sich in die Deutschland-Hausse. Wer könnte von den aufgestauten Konsumwünschen des DDR-Volkes profitieren? Der Markt gab die Antwort: Die Kaufhof-Aktie legte um 54 Mark zu, Karstadt um 39 Mark und Salamander um 30 Mark. Die Wiedervereinigungs-Phantasien trieben zum Teil skurrile Blüten: Altaktien des tief in die Nazi-Verbrechen verstrickten und nach dem Krieg liquidierten Chemiegiganten IG Farben erlebten einen Boom. Der Grund: Der liquidierte Konzern hat – nach Rechtsauffassung der Aktionare – noch Vermögensreste in der DDR. Sogar in New York hinterließ die deutsch-deutsche Euphorie Spuren: Bei sonst uneinheitlichem Markt haussierte die Woolworth-Aktie, nachdem eine Nachrichtenagentur über den Ansturm von DDR-Besuchern auf bundesdeutsche Filialen des Warenhauskonzerns berichtet hatte.

Doch schon am Dienstag erhielten die Hausse-Spekulanten einen Dämpfer. Manchem war wohl bewußt geworden, welche ökonomischen Risiken in der neuen Entwicklung liegen, die Börse erlitt einen Schwächeanfall.

Deutsch-deutsche Euphorie in Sachen Ökonomie ist tatsächlich verfrüht. Der Reisetaumel der drei Millionen vom vergangenen Wochenende hat, verbunden mit der neuen Informationsfreiheit, vielen in der DDR erst die Augen über das ungeheure Wohlstandsgefälle zwischen beiden deutschen Staaten geöffnet. Die durchlässigen Grenzen haben den Druck auf eine Wirtschaftsreform in der DDR rapide erhöht, und weder in Ost-Berlin noch in Bonn wissen die Politiker, welche Konsequenzen sie jetzt daraus ziehen sollen.

Vor allem über eines waren sich die meisten Westbesucher aus dem Osten am Wochenende einig: Mit der Mark der DDR kann es nicht mehr lange so weitergehen. Es ist kaum vorstellbar, daß es die DDR-Bürger über Jahre hinweg widerspruchslos hinnehmen werden, daß ihre hart erarbeitete Mark ein paar Kilometer weiter westlich gerade zehn Pfennig oder noch weniger wert ist und daß sie die bundesdeutschen Konsumgüter nur in den Schaufenstern bestellen dürfen.