Von Horst Bienek

Je mehr das große Romanwerk „Das rote Rad“ von Alexander Solschenizyn heranwächst, um so mehr Respekt stellt sich ein. Die Überfülle an Materialien (Dokumenten), stellenweise belächelt, schließt sich langsam zu einem historischen Panorama auf. Es scheint nun doch ein episches Riesenunternehmen zu werden, das nicht nur für die russische Literatur singulär sein mag. Nach „August Vierzehn“ und „November Sechzehn“, jedesmal über 1200 Seiten umfangreich, erscheint nun der „Dritte Knoten“, wie Solschenizyn seine historischen Panoramen nennt, und die 750 Seiten, die jetzt vorliegen, sind nur der erste Teil von „März Siebzehn“, zwei weitere werden folgen. So wird nur wenig Zeit, wohl aber sehr viel an Geschehen und Erzählung vergehen, bis nach über 2000 Seiten die Februar-Revolution (nach neuem Kalender: März) ausbricht. Die Russen erzählen anders. Ja, und sie erzählen langsamer.

Denn in diesem Band entwirft er nur die Vorgeschichte. Es ist Krieg, aber der ist weit weg. In Petrograd amüsieren sich die Minister mit ihren Frauen, gehen ins Theater, geben Bankette und wundern sich, daß nur noch wenige der eingeladenen Gäste kommen. Die Generale diskutieren immer neue Angriffspläne, geben Depeschen durch, im Grunde wollen sie sich vor dem Fronteinsatz drücken. Der Lärm der Aufständischen dringt zu ihnen, aber alles ist für sie wie hinter dickem Milchglas. Die Regierenden haben die Beziehung zur Realität verloren. Sie merken es nur noch nicht. Da geschieht etwas, was man Solschenizyn landauf, landab als „reaktionär“ ankreiden wird. Dabei ist es nur eine ästhetische Haltung – daß nämlich vor allem ihn die Gedanken, Beweggründe, Motive der Herrschenden interessieren, nicht aber jene der Aufständischen, ja nicht einmal sie selbst. Das Wort Revolution kommt in dem Buch überhaupt nicht vor. Die gesamte Sowjet-Literatur lebte davon, daß sie die Revolutionäre heroisierte. Die Klasse, die abtreten mußte, wurde zur Karikatur. Solschenizyns Motive sind es nun, die dem Untergang geweihte Klasse in ihren Protagonisten darzustellen. Es wäre dabei falsch zu glauben, der Autor habe besondere Sympathien für sie. Nein, er möchte nur die Verstrickungen aufzeigen, ihr Zaudern, ihre Ohnmacht, das Verkennen der Lage. Der totale Realitätsverlust.

Als die Bäckerlehrlinge streiken, weil sie nicht mehr so früh aufstehen wollen, wird noch darüber geulkt. Die Regierung begreift nicht, daß dies der erste Schritt zum Aufruhr ist. Am dritten Tag sind es bereits 200 000 Arbeiter, die in Petrograd streiken und auf die Straße gehen. Der Zar wird beschworen, seine treuen Kosaken einzusetzen. Nach dem Trauma von 1905 wagt er es nicht, in die Menschen („es sind doch Russen“) zu schießen. So wälzt sich eine diffuse, keineswegs revolutionär gestimmte Menge durch die Stadt, marodiert, plündert. Der Zar ist ins Große Hauptquartier geflüchtet, sein Bruder, der Großfürst, ist unauffindbar, nur die Zarin will in die Menge kartätschen lassen. Aber jetzt hört niemand mehr auf sie, sie ist zum Gespött der Leute geworden, sie soll Rasputin angebetet und Kriegsgeheimnisse an die Deutschen verraten haben.

Der Aufstand setzt sich fort wie ein Schneeball, der eine Lawine erzeugt. Die Duma wird besetzt, aber die Delegierten haben sich bereits davongemacht. Keiner von denen, die dann am Schluß die Februar- (März-)Revolution auslösen werden, tritt jetzt schon auf. Überhaupt ist nur vom Aufstand die Rede. Nicht von Revolution. Noch begreift niemand, daß es sich tatsächlich darum handelt. Ihre Anführer sind selbst davon überrascht, im Grunde ist es der Mob, der sich führerlos, aber geballt durch die Straßen wälzt. Es ist – bis jetzt jedenfalls – kein Vergleich mit dem, was 1905 geschah. Schon will der Zar zurücktreten. Hätte er nur genug Entschlossenheit und Energie gehabt, so läßt Solschenizyn den Großfürsten sagen, und das Ganze wäre wie ein Spuk verflogen. Statt dessen wird von Staatsstreich gesprochen, aber es ist niemand mehr von den Ministern da, der abgesetzt werden könnte. Sie haben sich alle einzeln davongemacht. In der Tat bedurfte es nur eines geringen Anlasses, und es war zu Ende mit dem Zarenreich.

Solschenizyn beschreibt das kühl und klar, mit der Objektivität des Chronisten. Freilich war das meiste schon bekannt. Privates gibt es nicht mehr. Die Liebesgeschichte Worotynzews und Oldas, die im Zweiten Knoten nicht nur zu lang, auch geradezu ridikül war, wird auf wenigen Seiten abgehandelt. Auf das Kleingedruckte, Protokolle also, wörtliche Reden, Tagesbefehle, was „November Sechzehn“ überfrachtet und dadurch stellenweise unlesbar gemacht hat, ist gänzlich verzichtet. Solschenizyn nimmt sich Zeit, in zwei weiteren umfangreichen Bänden das Revolutions-Panorama auszubreiten und fortzusetzen. Von den historisch wichtigen Figuren ist noch keine aufgetreten, außer Kerenski, aber der auch nur am Rande. Und das ist erst die Februar-Revolution. Die Bolschewiki siegten im Oktober.

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