Sie stehen vor dem Schild, das zum Bodensee weist und sagen: „Auf geht’s.“ Sie tragen Kniebundhosen, farbige Strümpfe, solide Schuhe. Und sie haben stramme Waden.

Noch zu erwähnen ist, daß das Schild nicht in Stuttgart oder München steht, sondern am Elbufer in Hamburg Oevelgönne. Und daß hier der sogenannte „Europäische Wanderweg“ von der Nordsee bis zum Mittelmeer ausgeschildert ist.

Natürlich, niemand in Oevelgönne erwartet, daß sich die zünftig gekleidete Wandergruppe von hier aus auf den direkten Weg zum Bodensee machen würde. Aber immerhin, so ein bißchen Zweifel kommt auf: „Wollen sie etwa doch?“ – Denn gemessen an den Spaziergängern von Oevelgönne sehen sie so hochtourig aus, als hätten sie einen speziellen Wander-Auftrag.

Wie auch immer, mit dem Herbst hat die Wander-Saison begonnen. Und nun haben sie den Rucksack geschnürt und stehen vor Schildern, auf denen die Wanderwege markiert sind. In den Alpen, im Schwarzwald, im Harz, im Wattenmeer. Von ganz oben bis ganz unten. Oder umgekehrt.

Das Schild in Oevelgönne muß jetzt ganz ernst genommen werden. Wer wandert, der läßt sich nicht durch die Anhäufung von Kilometern abschrecken. Der rechnet mit Landschafts-Erlebnissen. Und die bekommt man am besten zu Fuß.

Daß das Wandern nicht mehr des Müllers Lust ist, steht als eine jener unromantischen Erkenntnisse unserer Tage fest, für die es keine Lieder gibt. Der moderne Müller hat selten noch eine eigene Mühle. Er fährt mit dem Auto zur Arbeit, wie andere Berufstätige auch.

Tatsächlich gibt es hierzulande – die Schafhirten und Golfprofis einmal ausgenommen – kaum noch einen Beruf, in dem das Wandern oder Gehen durch die „freie Natur“ zur Zunft gehört. Sollte tatsächlich einmal ein Zimmermann in künftiger Kluft, also mit schwarzem, breitrandigem Hut und mit „Zampel-Büdel“, auf dem Wanderweg durch deutsche Lande gesichtet werden, er muß damit rechnen, selbst auf dem Kopfsteinpflaster tausendjähriger Kleinstädte wie ein Wesen aus einer anderen Welt bestaunt zu werden. Und das, obwohl das Wandern gerade hierzulande seine besten traditionellen Beziehungen unterhält.