Von Berga Horn

Laß dich von deinen Kripobeamten vögeln, du Schwein!“ ruft eine Frauenstimme durchs Telephon. Bevor ich etwas sagen kann, wird aufgelegt. Es ist der 17. August abends. Ich habe im Kabelprogramm gerade einen Krimi gesehen, in dem ein anonymer Anruf eine Rolle spielte. Paßt ja gut, denke ich eher amüsiert. Die Frau hat sich wahrscheinlich verwählt, meint jemand anderen, ich kenne keine Kripobeamten. Mich betrifft das also nicht.

Eine halbe Stunde später klingelt das Telephon wieder. Ich lasse es zweimal klingeln, dreimal. Nach dem dritten Mal hört es auf. Aha. Die Dame mit den Kripobeamten. Normale Menschen lassen das Telephon länger klingeln. Es ist dämmerig geworden, ich ziehe die Vorhänge an den Fenstern zum Garten zu. Als ich es mir im Wohnzimmer gemütlich gemacht habe, klingelt das Telephon wieder. Dreimal. Viermal. Ich warte ab. Das Klingeln hört auf.

Ich beschließe, mich nicht mehr stören zu lassen, soll diese Verrückte doch klingeln, bis sie schwarz wird. Das Telephon klingelt jetzt in Abständen von zehn bis fünfzehn Minuten. Ich stelle fest, daß der Film im Fernsehen mich nicht so fesselt, wie ich gehofft hatte. Warum gehe ich nicht schlafen? Als ich den Fernseher und das Licht ausgeschaltet habe, klingelt das Telephon. Ich gehe nicht an den Apparat. Das Telephon klingelt weiter. Es klingelt noch, als ich mich zu Bett lege.

Zwischen Schlaf- und Wohntrakt des Hauses liegen eine Diele und ein Flur mit Tür, die jetzt geschlossen ist. Ich höre das Telephon trotzdem klingeln, leise, aber ich höre es. Irgendwann schlafe ich ein, werde wieder wach, es klingelt immer noch. Ich schlafe wieder ein. Gegen halb vier morgens werde ich kurz wach: Das Klingeln dauert an. Am nächsten Morgen wache ich gegen halb neun auf, horche: Alles ist still! Ich stehe, nicht sehr ausgeruht, aber guter Laune, endlich auf und beschließe, das Ganze als eine Art Alptraum zu betrachten.

Tatsächlich habe ich die Sache schon fast vergessen, als einen Tag später das Telephon klingelt und sofort aufgelegt wird, als ich mich melde. Eine halbe Stunde später passiert es wieder. Abends ruft meine Tochter an, und wir rätseln herum, wer die „Verrückte“ sein könnte. Ich bin Journalistin, Autorin. Habe ich mal jemandem beruflich auf die Zehen getreten? Schon möglich. Aber wir kommen nicht weiter mit unseren Mutmaßungen. Vorm Schlafengehen blockiere ich mein Telephon.

In den folgenden Tagen bin ich viel unterwegs. Meine Störenfriedin gibt keine Ruhe. Sie legt entweder sofort auf, wenn ich am Apparat bin, oder sie produziert seltsame Störgeräusche. Sagen tut sie nichts. Das Telephon, mein Freund und Helfer in mancher Krisensituation: Jetzt ist es plötzlich mein Feind. Schließlich rufe ich das Fernmeldeamt an und bitte um eine Fangeinrichtung; man wird mir die Formulare schicken. In der Nacht davor hatte ich mein Telephon nicht blockiert und wurde nachts um zwei aus dem Schlaf geklingelt. So viel scheint klar zu sein: Von einem Büro oder aus einer Telephonzelle ruft die Unbekannte nicht an. Oder hat sie irgendwo Nachtdienst? Ich zermartere mir den Kopf. Ärgere mich maßlos, daß der Frau genau das gelingt, was sie beabsichtigt: mich zu stören und zu quälen.