Fragen der ZEIT an das Mitglied des SED-Politbüros, Hans Modrow

Dresden, im November

Die alte Villa hoch über Dresden erinnert an glücklichere, an die bürgerlichen Zeiten. Heute dient sie, hohe Stahltore und Mobiliar im Stil der späten fünfziger Jahre inklusive, der Dresdner SED-Bezirksleitung als Gästehaus. Am vergangenen Sonnabend empfing der bisherige Hausherr, Hans Modrow, den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau zu einer ausführlichen Unterredung. In einem improvisierten Pressegespräch stellte sich das Mitglied des SED-Politbüros, das am Montag zum Ministerpräsidenten der DDR gewählt wurde, den Fragen von Journalisten.

ZEIT: Welches sind für Sie die wichtigsten Wirkungen der neuen Reiseregelung?

Modrow: Der wichtigste Effekt besteht darin, daß nun kein drittes Land mehr von den Fragen der Ausreise betroffen ist, wie Ungarn oder die Tschechoslowakei. Wichtig ist, daß sich die Ausreise nun direkt zwischen den beiden (deutschen) Staaten im direkten Verkehr über die Grenze hinweg vollzieht. Zweitens – das war mein Empfinden, als ich die Vorgänge in der Aktuellen Kamera und in Ihren Medien sah – empfinden die Menschen darüber ein Gefühl der Normalität. Es waren nicht wenige, die in West-Berlin gefragt wurden: Sehen Sie darin einen Schritt, der hilft, das Vertrauen in die DDR zu stärken? Viele haben diese Fragen bejaht. Also kann ich nur davon ausgehen, daß dieser Schritt auch Vertrauen für meine künftige Tätigkeit mit sich bringen wird. Ich will aber auch offen sagen, ich halte es für notwendig, daß die in diesem Zusammenhang stehenden ökonomischen Probleme zwischen den beiden Staaten beraten werden müssen ...

ZEIT: Sie meinen eine finanzielle Unterstützung durch die Bundesrepublik ...

Modrow: Ich meine auch die finanziellen Probleme, die durch die neue Reiseregelung entstehen. In dieser Situation ist vieles unmittelbar geschehen. Aber das darf nicht bedeuten, daß man dies sozusagen nur entgegengenommen hat. Es ist notwendig, diesen anderen (ökonomischen) Teil miteinander zu beraten und auch Schritte zu gehen.