Von Robert Leicht

Die Politik kann mit nützlichen Lebenslügen ganz gut leben. Versöhnung jedoch, das heißt, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Und wenn es nach der Wahrheit gehen soll, bleibt uns nur eine bedruckende Einsicht: Zu einem befreienden Akt endgültiger Versöhnung ist Helmut Kohls zwiegespaltene Reise nach Warschau nicht geworden.

Natürlich reden jetzt die Warschauer wie die Bonner Politiker die Kanzler-Visite zu einem Erfolg empor. Das entspricht der Interessenlage hüben wie drüben. Die Polen brauchen Hilfe aus dem Westen, jetzt erst recht. Da muß man sich eben von Bonn einiges bieten lassen, in jedem Sinne des Wortes. Das nenne dann der Politiker die Verständigung über praktische Interessen – Versöhnung über die Gräben der Geschichte hinweg sähe wahrlich anders aus.

Daß die Reise zu unseren in vieler Hinsicht nächsten Nachbarn im Osten in zwei Teile zerrissen wurde, weil sich mit einem Mal Risse im Monument der deutschen Teilung auftaten, das konnte keine noch so kluge Planung mehr verhindern. Aber gerade weil sich die Deutschen nun für geraume Zeit wieder mit sich selber beschäftigen werden, wäre es gut gewesen, wenn das deutschpolnische Grundbuch zuvor politisch bereinigt worden wäre.

Die schlimmen Pannen der Reise, ihrer Planung wie des Vollzugs, sie bleiben nun im Bewußtsein haften, weil die eine große Geste ausblieb, die allein dem ganzen Vorhaben hatte historischen Rang verleihen können. Doch die vielen Worter, die Kohl immer wieder um die Grenzfrage wand, ließen nur um so deutlicher hervortreten, welche Worte er in Wirklichkeit und mit Vorsatz mied.

Der Annaberg, er wäre zum Gipfel der Peinlichkeit geworden. Wie konnte man nur die Erinnerung an deutsch-polnische Grenzgefechte heraufbeschwören, wenn man noch nicht einmal imstande ist, die gegenwartigen Spiegelfechtereien um die Grenzen von 1937 einzustellen? Nach dem Eklat erst aus der Reserve geholt, wurde der Besuch in Kreisau, einer Statte des deutschen Widerstandes gegen Hitler, zum Symbol zweiter Wahl degradiert. Das Gedenken in Auschwitz schließlich befleckte der Bonner Regierungssprecher mit Phrasen aus dem Wörterbuch des Unmenschlichen. Als Antwort auf das Begehren, den Sabbat zu heiligen, faselte Hans Klein – als spreche er nicht für diese deutsche Regierung – von den "Interessen des internationalen Judentums".

Was nützt es, angesichts all dieser Kaiamitaten darauf zu verweisen, daß der Kanzlerbesuch in die selbstsuchtigen Machtkampfe der polnischen Innenpolitik geriet? Kluge Diplomatie hatte dies voraussehen, vor allem aber verhindern können. Doch es waren die Krämpfe der Bonner Innenpolitik, die der Vernunft und der Versöhnung an erster Stelle im Wege standen.