Berlin (DDR), im November

Sie waren trunken vor Glück. Nun haben manche von ihnen einen Kater. Nach 28 Jahren durften sie über die Grenze – einfach so, wurden von Menschen umarmt, die sie vorher nie gesehen hatten, haben getanzt und gesungen und Wiedersehen gefeiert. Jetzt sind sie wieder zu Hause, versuchen, sich darüber klarzuwerden, was da passiert ist, was das zu bedeuten hat, wie es weitergeht.

Es sei so unwirklich gewesen, erzählt eine vierzigjährige Ostberlinerin, die gleich Donnerstag nacht nach West-Berlin gelaufen war. Immer wieder habe sie Leute angesprochen, nur um sich zu vergewissern, daß nicht alles ein Traum sei. Einen etwa fünfzigjährigen Mann habe sie gefragt, ob er ihr sagen könne, wie sie zum Zentrum komme. "Nee", habe er ihr geantwortet, "ich war 28 Jahre nicht hier." Die neue Freiheit sei wunderbar, aber schwer zu verkraften, macht sie doch schmerzlich bewußt, was die Regierung der eigenen Bevölkerung so lange zugemutet hat. Außerdem habe sie Angst, daß durch die neuen Eindrücke der revolutionäre Schwung der Bürgerbewegung verlorengehe.

Die Mauer war das sichtbarste Zeichen der Entmündigung. Die Menschen in der DDR haben sich selbst davon befreit. Sie kommen nicht mehr als arme Brüder und Schwestern in den Westen, sondern als Bewunderte, als die, die es geschafft haben, sich friedlich gegen die durchzusetzen, die sie bisher entmündigt hatten. Auch das ist eine neue Erfahrung: das Ablegen jahrzehntealter Minderwertigkeitskomplexe gegenüber dem Westen.

Ein junger Ostberliner erzählt von der Westberliner Kundgebung, für die er sich DDR-Papierfähnchen in seiner Kaufhalle gekauft hatte, damit jeder sah, woher er kam. Bei der Rede von Bundeskanzler Kohl habe auch er gepfiffen. Walter Momper habe ihm gut gefallen: "Er ist herzlich, aber ohne großes Gewese, ohne falsche Emotionen zu schüren. Klar", setzt er hinzu und zeigt auf seine Tüten mit Ananas, Schokolade, Platten, "finanziell sind und bleiben wir wohl noch eine ganze Weile die Ärmeren. Aber immerhin – wir zeigen der Welt, daß Deutsche revolutionär sein können. Das steigert das Ansehen der Deutschen insgesamt."

Nicht alle sind so optimistisch. Professor Peter Krüger von der Hochschule für Ökonomie in Ost-Berlin befürchtet den Kollaps der DDR-Mark durch die Öffnung der Mauer, den völligen Ausverkauf der DDR; er fordert eine Preis- und Währungsreform. Mancher sorgt sich, daß das, was er sich in Jahren mühsam erspart hat, durch eine Geldentwertung verlorengeht. Schon laufen erste Angebote bei Westberlinern ein: ob sie einen Maurer brauchen könnten oder einen Maler: ganz billig.