Toller Sender

Zugegeben, die Stunde war schon etwas fortgeschritten und die Kneipe beim Bahnhof nicht Spitzengastronomie. Aber Journalisten sind bekanntlich am glücklichsten dort, wo nur die Leber zu arbeiten braucht. Doch plötzlich hob sich auch das Journalisten-Auge und fokussierte einen Bierdeckel, genauer das, was auf ihm gedruckt war. „Die Radio-Hamburg-Sammlung der tollen alten Radios“ – eine Werbung der Kollegen vom Privatfunk also – „Teil 9: Der Volksempfänger“. Darunter das selige Ungetüm aus Bakelit, das nicht zusammen mit seinem Reich in Blut und Asche versunken ist. Der Krieg geht, die Technik bleibt: Atombombe, Computer, Radio. Ja wirklich! Was waren das für herrliche Zeiten, was ist das doch für ein „tolles altes Radio“. Und so leicht zu bedienen: nur ein einziger Sender! Vergleichbares ist nicht mehr zu kriegen; endlich schreibt das auch mal jemand hin. Bisher hat man solchen Frevel nur von Waldorf und Statler gehört, den nörgelnden Alten in der Loge der „Muppets-Show“, als der eine sagte: „Heute hat mir die Show aber nicht schlecht gefallen!“ und der andere darauf: „Kein Wunder, Dir hat ja auch der Zweite Weltkrieg gefallen.“ Jawohl! War er nicht „toll“?

Mit Herzblut arbeiten

„Hallo!“ – „Hallo, Fräulein!“ – „Fräulein!!!“ – Die Frau, Mitte, Ende 40, starke Figur, kräftige Oberarme, Schweiß auf der Stirn und in den Händen mehrere Maß, soll jetzt auf ihrem. hastigen Weg durch das dichtbesetzte Bierlokal sofort zum Gast hinüberlächeln, bremsen, sich ihm zuwenden, leicht nach vorn geneigt, damit er besser ihren ins Dirndl gebetteten Busen betrachten kann, und in etwa sagen: „Grüß Gott, der Herr, was darf es sein?“ Er wird ein Bier haben wollen und beim Anblick ihres Busens eine ganz große Maß bestellen. Sie soll auch einfühlsam sein. Nicht den Teller einfach hinknallen, sondern zuvorkommend und einsichtig (Busen) servieren. „Wir sind eine bayerische Wirtschaft und da gehört auch dazu, daß die Bedienung Holz vor der Hütt’n hat.“ So war laut Münchner Abendzeitung die Meinung bayerischer Witte. Das Madl (möglichst zwischen dreißig und fünfzig Jahre alt) soll resch und rosig, freundlich und flink sein und mit Herzblut arbeiten. Sie legt am Tag in etwa zwölf Stunden rund dreizehn Kilometer zurück. Was sie am Ende dafür bekommt? Von jedem zufriedenen Gast ein kleines Stück Papier aus der Münchner Abendzeitung („ausschneiden & mitmachen“). Darauf zu sehen: „Eine Rose für die Freundlichkeit, überreicht von...“, und dann folgen Name und Adresse des zufriedenen Gastes. Hat sie die meisten Freundlichkeits-Zertifikate beieinander, schickt die AZ sie „für eine Woche zum Baden nach Florida“. Ist das nicht wunderbar? – Halt! Noch ein Wort, bevor Du, resches Münchner Madl, mit der Maß um Dich schlägst: „Der Mann“, so schrieb es vor rund hundert Jahren die Philosophin Helene von Druskowitz, „führt höchst unbescheidenerweise überall das große Wort und ist das schnatterhafteste aller Lebewesen.“