Die Medien mit ihrem immensen, fein verzweigten und alles durchdringenden Apparat sind nicht nur Lebensquelle, sie sind ebenso natürlicher Lebensraum für einen eigenen Typus von Kunstwerken geworden. Dieser Lebensraum erzwingt vom Werk ein Regionalidiom, das mehr auf Kompatibilität der unterschiedlichen Bereiche abgestimmt ist denn auf die autarke Formulierung je eigener Erkenntniswerte. Offensichtlich ist es wichtiger, daß ein Werk in diesem System erscheint, als was mit ihm an epistemischen Primärerfahrungen, die als solche stets widersprüchliche und unsystematische sind, erarbeitet werden kann. Es wird auch zunehmend schwieriger, ja unmöglich, vielleicht gar unwichtig, noch unterscheiden zu können, ob und wie weit diese Kunstwerke sich der aggressiven Mittel und Methoden der Kulturindustrie bedienen, um sie schließlich gegen diese selbst zu wenden, oder ob hier die repressive ökonomische und administrative Rationalitat bereits so weit vorgedrungen ist, daß sie die kommunikative (ästhetische) Rationalität aus ihrem Wirkunsbereich verdrangt – oder ob nicht vielmehr beides zugleich der Fall ist.

Christoph Schenker: „Vom Blick aus dem Bewußtseinszimmer auf die Scham der Wirklichkeit“ – aus dem Katalog der Hamburger Ausstellung „Einleuchten“ (siehe auch Seite 70)

Wolken

Karl Valentin pflegte, wenn ihn einer Walentin nannte, darauf hinzuweisen, daß der Führer nicht „mein Wölk“ sage. Das ist richtig, aber wir wissen heute, daß der Wührer zwar Volk sagte, aber Wölk meinte. Erst so wird der berühmte Satz „Nun Wölk (ergänze: Wolke) steh auf, und Sturm brich los!“ in seiner wirklichen Bedeutung faßbar. Das Nämliche gilt für das allgemeine Gewölke nach dem 9. November (1989!). Die elementare Kraft des Wolkes habe die Berliner Mauer ins Wanken gebracht, schrieb die FAZ, deren Wetter-Exegesen auf der Seite „Deutschland und die Veit“ wir immer gerne lesen. „Das Wölk siegt“, sagte lapidar der Spiegel auf der Titelseite, und im Heft war das Wölk los. Das deutsche Wölk sei das glücklichste der Welt, schrieb die Welt, Momper zitierend, der seinerseits nur weiter rief, was Ernst Reuter damals gerufen hatte: „Wölker dieser Welt, schaut auf diese Stadt!“ Das tun wir, und wir sehen: Es wölkt sich ein. Laßt uns nach drinnen gehen.

Blümchen

Häufiger schon hatten wir Norbert Blüm auf seinem Gang zwischen den Meistern begleitet, hatten ihn kürzlich erst bei vertrautem Umgang mit Jesus, Marx und Nietzsche beobachten können und waren folglich nicht sehr überrascht, als wir den Zeitungen des 9. November entnahmen, Blüm habe von einer „historischen Stunde“ gesprochen. Sieh da, dachten wir, der Mann bleibt am Ball. „Historische Stunde“, das ist gut gesagt, dachten wir, das sitzt. Dann aber lasen wir weiter und lasen, Blüm habe die Verabschiedung der Gesetzentwürfe von CDU/CSU, FDP und SPD über die „Neuordnung der gesetzlichen Alterssicherungssysteme“ als eine „historische Stunde“ bezeichnet. Da sahen wir, daß wir Blüm wieder einmal unterschätzt hatten. Eine Revolution in Deutschland, schön und gut. Revolutionen kommen, Revolutionen gehen. Aber: Wir alle, und gerade auch unsere Mitbürger im anderen Teil Deutschlands, werden nicht jünger, eher älter. Mag auch die Mauer wanken, mögen auch die Tränen fließen und die Sektkorken knallen, einst wird kommen der Tag der Rente. Und dann, wenn der 9. November 1989 längst vergangen sein wird, werden wir uns ein Täßchen Kaffee genehmigen, vielleicht einen Kognak dazu, werden uns zurücklehnen und in dieser ganz gemütlichen historischen Stunde an Norbert denken. Wie recht hatte er doch in allem! Marx ist tot, die Mauer ist weg, Jesus lebt, Blüm ist unsterblich.

Fahr, Schaich, Reindl

Wenn Walter Gropius als Architekt genannt wird, sind es in Wahrheit wenigstens zwei, die am Entwurf gearbeitet haben und den Lorbeer verdienen: der Meister (und Namensgeber des Büros) und Adolf Meyer, zum Beispiel, dessen Rolle nicht unterschlagen werden sollte, auch wenn der Protagonist Gropius allen Glanz auf sich zu ziehen pflegte. Wenn von Behnisch die Rede ist, sind es immer „Behnisch und Partner“ – und, unerwähnt, manche andere, die einen kreativen Beitrag zu einem Behnisch-Entwurf geleistet haben. Was genau wessen Erleuchtung zu danken ist, gibt allerdings fast kein Architekturbüro preis: weil die Diversifizierung der Entwurfsleistung oft unmöglich ist und die Gemeinschaftsleistung betont bleiben soll. Zwar sind, wenn nur der Büro-Inhaber genannt wird, immer allesamt gemeint; aber manchmal genügt das nicht – so wie bei dem unlängst wieder preisgekrönten Gebäude, das die Firma Rosenthal für ihr Keramikwerk in Kronach hat bauen lassen – von Ekkehard Fahr. Nein: von „Planung Fahr und Partner“, und das sind in diesem Falle die Architekten Ekkehard Fahr sowie: Dieter Schaich und Josef Reindl. Die beiden letzten Namen, in unserem Artikel über die „Suche nach der schöneren Arbeitswelt“ in Nr. 40 der ZEIT ungenannt, seien hier nachgetragen.