Die Bundesrepublik, darauf sind wir stolz, gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Auch in den achtziger Jahren ist unser Wohlstand weiter gewachsen. Und der Aufschwung der Wirtschaft, der seit nunmehr sieben Jahren für gefüllte Auftragsbücher und volle Kassen sorgt, wird nach Meinung sämtlicher Experten auch im nächsten Jahr anhalten.

Doch der Boom, der Rekorde im Export und bei Gewinnen bescherte, geht an immer mehr Menschen vorbei. Jeder zehnte Bundesbürger ist arm. Langzeitarbeitslose und Kleinrentner, alleinerziehende Frauen und kinderreiche Familien, Ausländer und Kranke gehören zu jenen rund sechs Millionen Menschen, die mit weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens der Beschäftigten auskommen müssen. Mehr als drei Millionen bekommen Sozialhilfe, fast fünfzig Prozent mehr als noch 1980. Dabei scheut rund die Hälfte der Bedürftigen den Weg zum Sozialamt; vor allem ältere Menschen zählen zu jenen „verschämten Armen“, die ihre Not vor Nachbarn und Ämtern zu verbergen trachten.

Schämen müßte sich freilich die Mehrheit der Bundesbürger, die das Elend im eigenen Land nicht wahrhaben will. Es ist das Verdienst des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, mit seinem jetzt vorgelegten Armutsbericht die Randgruppen der Gesellschaft wieder einmal ins öffentliche Bewußtsein gerufen zu haben. Politiker, so der Vorwurf der Autoren, neigen dazu, das Problem Armut schlicht zu leugnen. Allzugern werden Arbeitslose und Obdachlose als faule Außenseiter der Gesellschaft diffamiert, denen man beim besten Willen nicht helfen könne.

Ein Wunder ist diese Abwehrhaltung der Parteienvertreter nicht. Denn wer das Ausmaß der Not erkennt, ist gezwungen zu handeln, will er sich nicht mitschuldig machen am Elend jener Menschen, die schließlich auch seiner Obhut unterliegen. Wer die Armut sieht, muß zugeben, daß unser vielgerühmtes soziales Netz längst nicht so perfekt geknüpft ist, wie immer behauptet wird.

Gewiß, die Zahl der Armen beruht – wenigstens teilweise – auf Schätzungen, und über Schätzungen läßt sich trefflich streiten. Diesem Manko ließe sich freilich leicht abhelfen. Mit jährlichen Armutsberichten, die vorhandene Daten zusammenstellen und die Lücken mit Hilfe von wissenschaftlich fundierten Untersuchungen füllen, wäre wenigstens die Grundlage für vernünftige Abhilfe geschaffen. Die Fürsorgepflicht des Staates für alle Teile der Bevölkerung müßte allerdings auch durch einen Umbau des sozialen Systems zum Ausdruck kommen. Sozialhilfe ist bisher – so heißt es auch im Amtsdeutsch – als „Hilfe zum Lebensunterhalt“ gedacht. Mittlerweile reicht für viele diese Form der Hilfe nicht mehr aus. Die große Gruppe der Langzeitarbeitslosen beispielsweise, die seit 1980 um mehr als 500 Prozent gewachsen ist und etwa 700 000 Menschen umfaßt, braucht mehr als bloße Unterstützung. Ihre Chancen, am Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen, sind durch die lange Zeit der Erwerbslosigkeit derart gesunken, daß die meisten von ihnen sich an einer eigenen Grundversorgung nicht mehr beteiligen können. Um ihre materiellen Bedürfnisse zu decken, bedarf es also mehr als der Hilfe zum Lebensunterhalt.

Der Reichtum der Bundesbürger dokumentiert sich gerade in den Wochen vor Weihnachten stets aufs neue. Hunderte von Millionen Mark werden dann für Hungernde in Afrika und Indien, Südamerika und Osteuropa gespendet. Zweifellos ist ihr Elend mit dem armer Bundesbürger nicht zu vergleichen. Überdies kann und darf die Not in unserem Land nicht von der Spendenfreude der begüterten Mitbürger abhängen, sondern muß über Gesetze und Rechtsansprüche gelindert werden. Aber die Freigebigkeit beweist, daß Geld reichlich vorhanden ist. Politiker, die diese Tatsache nicht nutzen, stellen sich selbst ein Armutszeugnis aus. Erika Martens