Von Heinz-Günter Kemmer

Das neue Verwaltungsgebäude, das die Otto-Wolff-Gruppe derzeit im Kölner Vorort Rodenkirchen bauen läßt, werden wohl nicht sehr viele Mitarbeiter von innen kennenlernen. Zwar muß das alte Hauptquartier in der Kölner Innenstadt im Herbst nächsten Jahres geräumt werden. Doch die Tochtergesellschaften der Gruppe werden dann möglicherweise schon von Düsseldorf aus verwaltet.

Gerade nämlich haben die Aktionäre der Otto Wolff AG – allen voran der Aufsichtsratsvorsitzende Otto Wolff von Amerongen – beschlossen, ihr Unternehmen für rund eine halbe Milliarde Mark an Thyssen zu verkaufen. Und der neue Eigentümer hat wenig Neigung, die Wolff-Töchter über eine Zwischenholding zu regieren. Vielmehr weiß Thyssen-Chef Dieter Spethmann längst, welchen Konzerntöchtern er die einzelnen Teile der Wolff-Gruppe zuordnen will, wenn die Kartellbehörden in Berlin und Brüssel grünes Licht für die Übernahme geben.

Die bedeutendsten Töchter von Otto Wolff allerdings werden schon jetzt von Thyssen gelenkt. Vor nahezu dreißig Jahren suchte der Konzernchef nämlich für seine Stahlsparte Anlehnung an einen der großen Produzenten und machte Thyssen bei seinen Tochtergesellschaften Rasselstein AG in Neuwied und Stahlwerke Bochum AG zum gleichberechtigten Partner. Damit sicherte er den Werken, die beide als Blechveredler tätig sind, die Versorgung mit Vormaterial zu günstigen Konditionen.

Beide Unternehmen verarbeiten heute Warmbreitband von Thyssen: Rasselstein macht daraus Fein- und Weißblech, Bochum ebenfalls Feinblech, vor allem aber Elektroblech. Die technische Ausrichtung der Unternehmen wird bei Thyssen entschieden, der Verkauf läuft hingegen über die Otto Wolff Flachstahl GmbH, die im letzten Wolff-Geschäftsbericht als „die Absatz- und Marketingorganisation für Fein- und Weißblech der Rasselstein AG und der Stahlwerke Bochum AG“ bezeichnet wird und 1988 mit 1,8 von insgesamt 3,1 Milliarden Mark größter Umsatzträger im Konzern war.

Da diese Konstruktion rund dreißig Jahre überdauert hat, müssen wohl beide Partner auf ihre Kosten gekommen sein. Thyssen hat seine Hochöfen, Stahlwerke und Warmwalzwerke über die eigenen Veredelungsmöglichkeiten hinaus beschäftigen können, Wolff hat Gewinne auch aus den Mengen gezogen, die in Neuwied und Bochum auf Thyssen-Rechnung produziert wurden. Und eigentlich ist nicht einzusehen, warum dieses Modell nicht noch weitere dreißig Jahre hätte funktionieren sollen.

Aber Otto Wolff ist das Risiko offensichtlich zu groß geworden. Sein Stahlgeschäft kann nur dann mit Gewinn arbeiten, wenn der Weißblechmarkt in Ordnung ist. Und da lauern in der Tat einige Gefahren – vom Pfand auf Blechdosen bis zum Umstieg der Verpackungsindustrie auf andere Materialien. Für Thyssen mit seiner breiten Palette und nahezu vierzig Milliarden Mark Umsatz wäre ein Einbruch bei Feinblech nicht entscheidend, für die Wolff-Gruppe hingegen könnte er tödlich sein.