Von Gerhard Spörl

Warschau, im November

Helmut Kohls Reise durch Polen in sechs Tagen hat gute Aussicht, in die Geschichtsbücher einzugehen als einer der merkwürdigsten Staatsbesuche, die je ein Bundeskanzler absolvierte. Die Normalität, ohnehin schwierig genug, währte knapp vier Stunden. Dann begann der Ausnahmefall. In Warschau wollte Kohl Geschichte schreiben. Doch die Geschichte ereignete sich 400 Kilometer entfernt in Ost-Berlin.

Kohls Entscheidung, für 24 Stunden zurückzufliegen und dann wiederzukommen, war richtig. Eine Abreise ohne Wiederkehr wäre eine Brüskierung gewesen; daran ist die Bonner Polen-Politik ja nicht gerade arm; Tadeusz Mazowiecki schien denn auch aufs Schlimmste gefaßt zu sein. „Ich muß unbedingt reden“, sagte der Kanzler nach einer improvisierten Pressekonferenz und stürmte aus dem Saal. Nächtens zog er seinen innersten Zirkel zu Rate: Horst Teltschik, Wolfgang Bergsdorf, Juliane Weber. Gemessen an den Umständen und an seiner inneren Unruhe, hat der Kanzler die Visite halbwegs mit Anstand zu Ende gebracht.

Wenn die Spannung sie schier zerreißt, werden Politiker gerne zu Therapeuten und mahnen, über dem heißen Herzen nicht den kühlen Verstand zu verlieren. Auch Helmut Kohl hielt die Lebensregel parat, für die Deutschen daheim und hoffentlich auch für sich selber. Doch das Herz floß ihm über in Sätzen wie: „Wir schreiben Weltgeschichte.“ „Ob ich ein großer Kanzler bin, weiß ich nicht. Das überlasse ich der Geschichte.“ Er sah vor seinem geistigen Auge schon die güldenen Lettern, mit denen sein Name im Buch der Geschichte geschrieben stehen wird. Alle Demütigungen und erniedrigenden Kämpfe ums Überleben in Bonn waren mit einem Schlag wie weggewischt. Sein zäher Realismus – hat er sich nicht bewährt? Die Schwäche, sich nicht festzulegen und sich unvermeidlichen Entwicklungen anzupassen – erweist sie sich nun nicht als Stärke?

In der Warschauer Isolation verschafften sich die Illusionen von Größe und Durchsetzungsvermögen noch leichter Luft. Der Kanzler war fasziniert davon, wie die Abgeordneten im Bundestag sich spontan erhoben und die Nationalhymne sangen. Die alsbaldige Wiederholung der Szene unter seiner Regie drängte sich ihm wie von selber auf. Da muß er den kläglichen Männergesang vor dem Schöneberger Rathaus unter Pfeifen und Johlen wie einen Schlag ins Gesicht empfunden haben.

Mehr als andere Zeitgenossen ist Kohl wilden Wechselbädern der Gefühle ausgesetzt. Der kühle Verstand riet dem Kanzler gleichwohl zur Vorsicht. Was immer George Bush und François Mitterrand zur Wiedervereinigung gesagt haben – unter neuen Gegebenheiten müssen sie erneut Stellung beziehen. Am Telephon klangen der amerikanische Präsident, die britische Premierministerin und der französische Präsident offenbar verhalten. Von Michail Gorbatschow erfuhr Kohl, daß er an seinem Grundsatz der Nichteinmischung in Ost-Berlin festhalte, daß aber die Deutschen in Ost und West die Sache nicht aus dem Gleis bringen dürften. So bewährte sich der Wirklichkeitssinn Kohls doch wieder in Überlegungen wie dieser: „Ich weiß gar nicht, wer uns schärfer beobachtet, Ost oder West.“ Spätestens am Wochenende werden die westlichen Partner wissen wollen, was mit der Bemerkung gemeint ist, die Deutschen hätten lange als Glacis herhalten müssen und können jetzt nur als Brücke zwischen Ost und West dienen.