Selten haben sich Stimmungswechsel in den deutschen Börsensälen so rasch und radikal vollzogen wie in den zurückliegenden Tagen. Noch in der Vorwoche war die Mehrzahl der Börsianer auf Moll gestimmt gewesen. Sorgen bereiteten nicht nur die steigenden Zinsen, sondern auch die Vielzahl der Kapitalerhöhungen, die noch bis zum Jahresschluß über die Bühne gehen sollen.

Den Stimmungswechsel bis hin zur Euphorie besorgten dann die Ereignisse in der DDR. Nachdem Analysten ausgerechnet hatten, daß Zuwanderer und Übersiedler im kommenden Jahr für einen zusätzlichen Anstieg des Bruttosozialprodukts um ein viertel Prozent sorgen würden, stürzten sich spekulativ eingestellte inländische Anleger auf die Aktien von Unternehmen solcher Branchen, die vermutlich davon am stärksten profitieren werden. Mehrere Tage lang wurden Bau- und Konsumaktien sprunghaft heraufgesetzt.

Für einen weiteren Kursschub, der allerdings nur drei Börsentage andauerte, sind Kaufaufträge aus dem Ausland, vor allem aus den Vereinigten Staaten und Japan, verantwortlich. Hierbei ging es darum, welche Chancen sich für die deutsche Industrie aus der veränderten Konstellation in der DDR ergeben könnten. Davon profitierten – bis auf die Aktien der Großchemie – fast alle deutschen Standardwerte, vor allem Siemens sowie die Maschinen- und Anlagenbauer.

Die erstaunlichen Kurssprünge gehen nicht allein auf das Volumen der Käufe zurück, auch der Markt ist wieder enger. Allerdings wurde sie vom Wochenbeginn an durch Verkäufe institutioneller inländischer Anleger gemildert, die noch vor Jahresschluß Kursgewinne zu realisieren suchten. Wie recht sie daran taten, zeigten die schon am Dienstag wieder fallenden Kurse. Die Euphorie war verflogen.

Geblieben ist der schwache Rentenmarkt. Vor allem die Ausländer fragen sich, wer denn die in Aussicht gestellten Hilfen für die DDR und die zugesagten Gelder für Polen aufbringen wird. Sie meinen, daß sich der Bund höher verschulden und es im kommenden Jahr statt zu einer Zinsentspannung zu einer Überbelastung des deutschen Anleihemarktes kommen muß. Die Aussicht darauf ist in den reduzierten Rentenkursen vorweggenommen worden. Die jüngste Bundesanleihe notiert deutlich unter ihrem Emissionskurs. Für die Kurse der Bankaktien bedeutet dies nichts Gutes. Denn nach dem heutigen Stand fallen auf die Rentenportefeuilles erhebliche Abschreibungen an.

K. W.