Von Eva Pokorná

DUISBURG. – „Was empfindest du, wenn du die aufregenden Bilder der Massenflucht der DDR-Bürger über die offenen Grenzen Ungarns, der Tschechoslowakei und nun auch ihres eigenen Landes verfolgst? Siehst du Parallelen zu der Flucht der Bürger aus der Tschechoslowakei vor 21 Jahren?“ so fragen mich deutsche Freunde, die mir seit meiner Ausreise aus der Tschechoslowakei vor sechs Jahren aus der Tschechoslowakei halfen, hier in der Bundesrepublik Fuß zu fassen.

Wer vor 21 Jahren nach dem Einmarsch der rollenden Tanks, die den Prager Frühling – das Experiment eines demokratischen Sozialismus – erstickten, floh, kam als ein ängstlicher, verzweifelter Flüchtling an; hinter ihm lag die Niederschlagung einer Hoffnung, einer Vision.

„Woran dachtest du“, frage ich am Telephon meine Freundin in Prag, „als du die vielen DDR-Bürger im Lobkowitz-Palais sahst, wenn sie in ihren Trabis zum Bahnhof fuhren? Du wohnst doch ganz in der Nähe der deutschen Botschaft.“ – „Woran sollte ich denn sonst denken“, antwortet sie mir, „als an die DDR-Panzer, die 1968 mithalfen, den Ruf nach Freiheit und Demokratie niederzuwalzen ... Du weißt es ja, daß seit damals alles still ist bei uns, viele Menschen wollen von Politik nichts mehr hören. Alle Hoffnungen auf ethische und moralische Werte wurden uns geraubt.“

Die ČSSR 1968. Das Land durchlebt die größte wirtschaftliche, politische und moralische Krise. Ein hoffnungslos verbittertes, enttäuschtes Volk vegetiert ohne Perspektive dahin. Hinter verschlossenen Türen werden Wege zur Gesundung dieser maroden Situation gesucht. Dubček genießt das Vertrauen der breiten Volksmassen. Achtzehn Jahre vor Gorbatschows Reformen proklamiert er eine Variante von Glasnost und Perestrojka auf tschechoslowakisch: achtzehn Jahre zu früh!

„Ein ganzes Volk kann man nicht austauschen“, sagt er, als die Menschen auf die Straße gehen und demonstrieren. „Wenn die Führer mit dem Volk nicht zufrieden sind, muß man die Führer austauschen.“ Als Dubček die Parteiführung übernimmt, ist die Staatskasse ausgeplündert, die Wirtschaft liegt brach. Doch er besitzt das größte Kapital: das Vertrauen der Bevölkerung.

In der ČSSR gibt es 1968 trotz neuer Ausreisebewilligungen keine Massenflucht in den Westen. Kein einziger Bürger emigriert während des Prager Frühlings, kein einziger verläßt das Land. Dubček verspricht nichts; er fordert harte, fleißige Arbeit, bittet um Verständnis und Geduld; es gibt keine SOS-Hilferufe, die bankrotte Ökonomie mit Krediten aus dem reichen Westen auf die Füße zu stellen.