Die Eidgenossen stimmen über die Abschaffung der Streitkräfte ab

Von Fredy Gsteiger

Bern, im November

Eine Schweiz ohne Armee sei „wie ein Fondue ohne Käse“, behauptet der rechtsliberale Waadtländer Nationalrat Jean-François Leuba. Er will damit sagen: Sollten sich die Eidgenossen am Wochenende an der Urne dafür entscheiden, ihre 650 000 Mann starke Militärmacht abzuschaffen, dann begäbe sich die Alpenrepublik nicht nur ihrer Verteidigungsfähigkeit, sondern eines Symbols nationaler Verbundenheit. Nicht zufällig rückt auch der Schweizer Verteidigungsminister Kaspar Villiger die Funktion der Armee als gesellschaftliche Klammer in den Vordergrund: Die Rekrutenschule sei nun mal das Nadelöhr, durch das sich jeder (männliche) Schweizer zwängen müsse.

Mit vier Sprachen, vier Kulturen und zwei Konfessionen ist die Schweiz ein heterogener Bundesstaat. „Ein Kunstprodukt, keine Nation“, wie sich der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt ausdrückt. Sein Schluß ist freilich, daß auf die Schmelztiegelwirkung der Armee verzichtet werden sollte, weil sie der natürlichen Entwicklung entgegenstehe. Viele junge Schweizer, so scheint es, pflichten ihm bei. In einer Umfrage erklärten sie einerseits, das Militär präge helvetisches Denken und schweizerische Lebensweise stark (68 Prozent der Befragten vertraten diese Ansicht) – weniger zwar als Arbeit und Familie, aber mehr als Politik und Religion. Andererseits fand dies nur jeder achte gut.

Karriereschmiede der Nation

Die Beziehung zum Militär nimmt früh ihren Anfang – beispielsweise mit Biskuits. Der kleine Junge erhält sie von einem Soldaten, dessen Kompanie für einige Tage die Turnhalle seiner Schule besetzt hält und dort ihre Schlafsäcke ausrollt. Vermutlich schmecken die Biskuits dem Jungen nicht sonderlich. Die im Volksmund „Bundesziegel“ genannten Kekse sind so hart und trocken, daß nur wenige die traditionelle Wette gewinnen, drei von ihnen in einer Minute ohne Flüssigkeit zu vertilgen. Aber Militärbiskuits bekommt man nicht jeden Tag, und deswegen stehen die Siebenjährigen bei den Soldaten Schlange, wo sie gleich auch „Militärschokolade – Chocolat Militaire“ – so die Packungsaufschrift – erhalten. Diese Kalorienbomber stellen die Erstkläßler vor – im Wortsinne – harte Verdauungsprobleme. Entscheidend aber ist: Ein erster Schritt zur „perfekten Durchmischung von Zivilem und Militärischem“, wie Schweizer Wehrpolitiker ihre Bürgerarmee zu charakterisieren pflegen, ist getan.