Von Gerhard Spörl

München, im November

Wem es drinnen im Saal zu langweilig wurde, der konnte nach draußen in den Vorraum schlendern und in Zwiesprache mit dem großen Abwesenden treten. Als bildeten sie einen Altar, stand Fernsehapparat auf Fernsehapparat geschichtet, und ein multipersonalen Franz Josef Strauß hielt Auferstehung. Bald trat er selbst in Erscheinung, beschützt von eierabwehrenden Regenschirmen als Kanzlerkandidat im Jahre 1980, die verdiente Niederlage mit saftigem Defätismus vorausahnend; bald bewunderte der Ministerialdirigent aus der Staatskanzlei den Wissensdurst seines verblichenen Dienstherrn, der nächtens englische Vokabeln in sein Ringbuch eintrug. Die Kassette mit dem einstündigen Videofilm konnte für ein angemessenes Entgelt erworben werden. Wer sich damit nicht begnügen mochte, der konnte an den weiß-blauen Ständen nebenan gewöhnliche Devotionalien erwerben.

Ursprünglich hatte der Übervater von oben herab auf die tausend Delegierten blicken sollen, zur Mahnung und zur geistigen Ermunterung. Doch auf das erbauliche Standbild, projiziert auf die schwarz umrandete Großleinwand an der Stirnwand, verzichtete die CSU nach reiflicher Überlegung. Der überlebensgroße FJS könnte ja zum Vergleich mit den Lebenden einladen. Als entrückter Olympier erwies er angemessene Dienste.

Die Arena in der „Bayernhalle“ blieb der Nachwelt überlassen. Darin herrschte erstaunlich unangefochten Theo Waigel. Zur schwäbisch-besonnenen Milde hat er eine schmallippige Strenge ausgebildet. Alles andere würde als Zeichen der Schwache verstanden. Die CSU ist ja ebenso rebellisch wie autoritätsgläubig. Weil ihr schwere Zeiten bevorstehen, ließ sie sich gerne zu einer Vertrauenskundgebung hinreißen. Das ist nicht ohne Tücke. Wer wie Waigel ein übertrieben gutes Wiederwahlergebnis (97 Prozent) erzielt, haftet zwangsläufig für die Folgen. Dreimal wird 1990 gewählt in Bayern, dreimal wird Bilanz gezogen. Waigel hat die schwerere Hälfte des Strauß-Erbes übernommen. Es war keine Frage, daß der große Vorsitzende jenen Mythos gleich mit ins Grab nahm, der die Bedeutung der CSU in Bonn überhöht hatte. Dafür mußte Waigel Ausgleich schaffen, und er muß es noch. Selbstbewußt behauptete er, die Regierung Kohl wäre ohne die CSU arm dran. Es klingt sogar plausibel. Die CSU hat kaum je zuvor derart starken Einfluß ausgeübt. Sie wägt jetzt genauer ab, was ihr wichtig ist, und sie setzt ihre Folterinstrumente mit Bedacht an. Helmut Kohl ist zufrieden. Und die CSU ist zufrieden mit ihm.

Der Kanzler dürfte seinen Münchener Auftritt nachträglich dick im Kalender anstreichen und mit vielen Ausrufezeichen versehen. War es ihm doch diesmal vorbehalten, Einblick in die Weltläufte zu geben und in die schwer verständlichen Zusammenhänge der großen Politik.

Die Delegierten lauschten andächtig, ja hingegeben – eine Ehrerbietung, die früher einzig FJS zuteil wurde und die einem tieferen Bedürfnis zu entspringen scheint, das sich auch mit wenig Wortgewalt und ohne große Geschichtsromantik befriedigen läßt. Die CSU-Bayern fanden sich wieder in den langen Sätzen über die Wiedervereinigung, die sie markiger anmahnen als Kohl. Sie liehen dem Realismus ihr Ohr, mit dem der Kanzler Selbstbestimmung für die DDR in Einklang brachte mit noch mehr Westbindung für die Bundesrepublik. Nicht viel anders haben sie es in ihre „Grundsätze unserer Deutschlandpolitik“ geschrieben. In dieser halben Stunde passierte der kleinen CSU, wovor es ihr graust: Sie verwandelte sich in eine brave, unselbständige Teileinheit der großen CDU.