Von Joachim Fritz-Vannahme

Paris, im November

Bei Tische fiel kein Wort darüber. Vielleicht war die Stimmung der europäischen Staats- und Regierungschefs im Pompadour-Saal des Pariser Präsidentenpalastes deshalb so unbeschwert. Über die deutsche Frage wurde an diesem Samstag abend nicht gesprochen – aus Takt oder Taktik. Für Gastgeber François Mitterrand mag das erste gelten, für Margaret Thatcher und Helmut Kohl eher das zweite.

Höflich schwieg der Präsident zu diesem Thema, das ihn und seine Landsleute beschäftigt wie kein anderes. In Paris rechnen alle mit einer deutschen Wiedervereinigung. Die meisten Politiker und Kommentatoren malen sich erschreckt einen künftigen Koloß mit achtzig Millionen Deutschen aus, der die übrigen Völker in Europa zu Zwergen machen würde.

Nicht jedoch François Mitterrand: "Ich habe keine Angst vor der Wiedervereinigung", hatte er Anfang des Monats in Bonn erklärt. Was er wenige Tage vor dem Mauerdurchbruch aussprach, empfinden derzeit wohl die meisten Franzosen. Gleich zwei Umfragen, beide nach dem ostdeutschen Novemberfrühling in Auftrag gegeben, bestätigen es: Zwei von drei Franzosen rechnen fest mit der Wiedervereinigung. Und zwei von dreien sehen darin weder für ihr Land noch für die westeuropäische Einigung ein Problem. Wecken deutsche Hoffnungen mit einem Mal keine französischen Ängste mehr? Springt Frankreich über den Schatten einer leidvollen Vergangenheit? Die Umfragen legen diesen Schluß nahe; die Aussagen der meisten Politiker und Meinungsmacher lassen ihn eher voreilig erscheinen. Länger als das Volk bleibt die classe politique ein Opfer alter Reflexe. Oder tut sie nur so, weil ihr die alte Angst morgen vielleicht als Faustpfand dienen könnte?

Kaum ein westlicher Spitzenpolitiker äußerte sich so entschieden gegen eine Wiedervereinigung wie der ehemalige Präsident Valéry Giscard d’Estaing: "Auf keinen Fall darf die Ankunft der Ostdeutschen mit der Schaffung eines Staates einhergehen, dessen Gesicht mit unseren (europäischen) Institutionen unvereinbar wäre." Es sei, erklärte er an anderer Stelle, unvorstellbar und wenig wünschenswert, daß die Europäische Gemeinschaft sich in ein Europa vom Atlantik bis zum Ural auflöse. Da sprach der Atlantiker, dem die Vision de Gaulles von einem Europa zwischen Brest und Brest-Litowsk immer schon fremd war. Da handelte aber auch ein geschickter Gegenspieler des Präsidenten, der Mitterrand entgegentrat, um die kopflose rechte Opposition hinter sich zu scharen.

Aus Giscard spricht tiefe Skepsis, aus Mitterrand frohgemute Sympathie: "Welcher Elan, welche Hoffnung. Wie in den großen Augenblicken von 1789 ist es das Volk, dessen Getöse wir hören. Seine Entschlossenheit befiehlt den Ereignissen, reißt Mauern und Grenzen ein", rief er, die eigene Feier zum bicentenaire von 1789 noch vor Augen, im Straßburger Europaparlament Ende letzten Monats. Bereits im Juli gab er den Ängstlichen im eigenen Land in einem Interview zu bedenken: "Wer konnte Deutschland einen Vorwurf daraus machen, Osteuropa sein Augenmerk zu schenken? Das zu einer großen Wirtschaftsmacht von Weltrang wiedererstarkte Deutschland möchte selbstverständlich auch eine größere politische Rolle spielen." Ist es die gelassene Ruhe des Alters, die diesem Präsidenten folgende Sätze eingibt? "Unter unseren Augen zerbricht mit großer Macht ein Gleichgewicht. Das an seine Teilung gewöhnte Europa war einfach. Dennoch freuen wir uns, selbst wenn es jetzt kompliziert wird."