Namenlose Sprecher bisher unbekannter Gruppierungen bringen nicht nur die Gedanken und Gefühle der über Nacht erschienenen Massen angemessener zum Ausdruck, sondern auch die Einschätzung des Möglichen und des Notwendigen. Jenes „Volk“, das sich in der Geschichte schwer ausmachen läßt und das stets mehr zu akklamieren als zu agieren scheint, ist als handelndes Element tätig geworden, und es hat noch nicht einmal einen Lech Walesa oder einen Imre Podzsgay als Wortführer. Nicht nur Politbüro und Zentralkomitee sehen sich von Woche zu Woche, fast von Tag zu Tag, einer neuen Lage gegenüber, sondern auch Regierung und Opposition in Bonn, wobei sie allerdings von einer Presse sekundiert werden, die nirgendwo eine Ahnung gehabt zu haben scheint, daß das scheinbar Konsolidierte über Nacht zusammenbrechen würde. Von Wolf Jobst Siedler

Wenn man lange lebt, sagte Ernst Jünger 1982 bei der Entgegennahme des Goethe-Preises in der Paulskirche, erlebt man alles und auch das Gegenteil.

Es kann kein Zweifel sein, daß die Ereignisse dieser Tage in diesem Sinne das Gegenteil des Mauerbaus sind, wie lange das Bauwerk, das drei Jahrzehnte hindurch die Wirklichkeit der beiden deutschen Staaten bestimmte, auch noch stehen mag. Die Mauer hat ihre Funktion und damit ihren Sinn verloren, womit nicht so sehr die neuen Durchlässe gemeint sind, die in sie gebrochen wurden, sondern die Tatsache, daß sie erst in Ungarn, dann in Polen und schließlich in der Tschechoslowakei ad absurdum geführt wurde. Was soll sie noch, wo jeder Bewohner des anderen Deutschlands nur eine Fahrkarte zu lösen braucht, um sie zu umgehen? Ihr Abriß ist vorhersehbar, auch wenn die Steine noch ein paar Jahre stehen mögen.

Drei Daten haben sich tief in die Geschichte der deutschen Nachkriegszeit eingegraben: die Erhebung vom 17. Juni 1953, die Abriegelung des anderen deutschen Staates von der westlichen Welt – denn das war der Mauerbau mehr als nur eine Barriere zwischen den beiden Teilen Deutschlands – und jetzt deren praktische Aufhebung. Man wird die Wende der Dinge wahrscheinlich einmal auf die Entscheidung der Budapester Regierung datieren, den Botschaftsflüchtlingen die Ausreise von Ungarn nach Österreich zu gestatten. Es ist die vom ungarischen Außenminister Gyula Horn verkündete Erklärung gewesen, deren Konsequenz die Regierung Erich Honeckers an ihr Ende brachte.

Der Jubel im Botschaftsgarten, der über die Fernsehgeräte die Welt erreichte, kündigte nicht nur den Sturz des Generalsekretärs an, sondern auch das Ende des Regimes jener Achtzigjährigen, die so lange den Lauf der Welt aufzuhalten suchten, gegen Ungarn und gegen Polen und im Grunde auch gegen die Sowjetunion. Das Volk begleitete die Ereignisse der letzten Jahre zu Recht immer wieder mit verzweifelten Rufen nach Gorbatschow.

Drei Ereignisse haben die Empfindungen der Deutschen mobilisiert: der 17. Juni 1953, der 13. August 1961 und der 9. November 1989. Aber es kann kein Zweifel sein, daß nur die beiden letzten Daten wirklich in die Geschichte eingegriffen haben. Der Volksaufstand der fünfziger Jahre – ob es nun eine Hungerrevolte oder ein politisches Aufbegehren war – blieb eine so hilflose Rebellion wie vor ihm die Danziger Erhebung und zwei Jahrzehnte später der Prager Frühling; nach ihm war alles wie zuvor. Es hatte seine Berechtigung, als man jüngst in einer Ostberliner Massenversammlung den Vorschlag machte, statt des folgenlosen Volksaufstandes von 1953 den epochemachenden Massenprotest dieser Tage zum Datum des Gedenkens zu machen. Es wird sich – je mehr Zeit vergeht – deshalb deutlich herausstellen, daß dieser Tag tatsächlich einen Einschnitt in die deutsche Geschichte und vielleicht in die Europas bedeutet. Voraussichtlich sind der Bau der Mauer und deren faktische Beseitigung die Schlüsseldaten für die Herrschaft dessen, was man drei Jahrzehnte hindurch den real existierenden Sozialismus nannte. In diesem Sinne ist Erich Honeckers Name tatsächlich mit der Geschichte der DDR verknüpft: Wie er als Beauftragter Ulbrichts die praktischen Maßnahmen zur Errichtung der Mauer leitete, so war sein Sturz das Signal zu ihrer Beseitigung. Die Geschichte der DDR begann im eigentlichen Sinne erst mit der Konsolidierung des nur scheinbar absurden Bauwerks, das in Wahrheit deren Voraussetzung und Bedingung war.

In vielerlei Hinsicht ist Honeckers Abtreten von der politischen Bühne der Endpunkt des ganzen Systems, wenn es auch noch Jahre bestehen mag, weil die europäische Lage seine Existenz verlangt. Eine innere Berechtigung hat der zweite deutsche Staat ohne seine Staatsideologie nicht mehr, und Otto Reinhold, Leiter der Parteiakademie, hatte vollkommen recht, als er die provozierende Feststellung machte, daß die DDR nur aus ihrer Form des Staatssozialismus ihre Existenzberechtigung beziehe oder gar keine habe.