Das hat es bisher so in der Literaturgeschichte, in der Literaturwissenschaft nicht gegeben: die Briefe eines Schriftstellers, präsentiert in einem Regestenwerk von diesem Umfang, mit dieser Konsequenz und Systematik. Zwanzig Jahre wurde an den fünf großformatigen Bänden von insgesamt 3771 Seiten gearbeitet, zwei Forscher sind darüber gestorben, zwei andere haben die gewaltige Arbeit nun – vorläufig – abgeschlossen.

Was sind Regesten? Wozu sind sie gut? Sie bieten die möglichst knappe Zusammenfassung von Texten – ursprünglich von Urkunden (wie im Fall der „Regesta Pontificum Romanorum“). Die Idee wurde schon lange diskutiert: das Regestenverfahren auch für literarische Briefhinterlassenschaften zu nutzen, deren vollständige Veröffentlichung nur schwer möglich ist. Allein die Edition der bis zum Jahr 1919 bekanntgewordenen 14 000 Goethe-Briefe war ja in der Weimarer Ausgabe auf fünfzig Bände angewachsen. Eine kritische Gesamtausgabe der Briefe Thomas Manns werde sich „schon aus wirtschaftlichen Erwägungen in absehbarer Zeit kaum realisieren lassen“, schrieben 1976 Hans Bürgin und Hans-Otto Mayer zum Start ihres beispielhaften Regestenwerks, das sie zehn Jahre lang geplant, vorbereitet und vorangetrieben hatten und mit dem sie Neuland betraten. Damals gingen beide davon aus, daß der Umfang des Mannschen Brieferbes ungefähr Goethesche Dimensionen hat. Doch war das eine Fehleinschätzung: Sie hatten ihren Mann unterschätzt. In den innerhalb von mehr als zehn Jahren veröffentlichten fünf Regestenbänden sind tatsächlich 14 602 Briefe angeführt, resümiert und skizziert, doch schätzen inzwischen Gert Heine und Yvonne Schmidlin, die die Arbeit fortgeführt haben, daß Thomas Mann bis zu 30 000 handgeschriebene Briefe verfaßt und mindestens noch einmal so viele diktiert (zumindest unterzeichnet) hat. Ihre Hochrechnung basiert vor allem auf Informationen aus Thomas Manns Tagebüchern, die bis 1975 gesperrt waren und eine Fülle von Hinweisen auch auf bis heute unentdeckte (und vielleicht nie wieder aufzufindende) Briefe enthalten.

Also sind die fünf Bände, kaum daß sie vorliegen, auch schon wieder überholt? Keineswegs, doch wird man irgendwann mit neuen Nachträgen (der fünfte Band enthält schon mehr als fünfhundert) rechnen müssen. Vorerst und gewiß auf lange Zeit bieten die „Regesten und Register“ die beste Panoramasicht auf ein in diesem Jahrhundert wohl beispielloses Briefwerk. Vom Brief des Vierzehnjährigen (14. Oktober 1889) bis zur letzten Botschaft vom Krankenbett (10. August 1955), zwei Tage vor dem Tod, gerät das Leben des Schriftstellers in den Blick wie sonst nur noch in seinen Tagebüchern – und ohne große Lücken. Thomas Mann hat in diesen 65 Jahren und 10 Monaten kontinuierlich Briefe geschrieben. Für ihn war es selbstauferlegte Pflicht, Briefschulden zu erledigen, auch wenn es ihn Zeit und Anstrengung kostete; selbst Unbekannte konnten auf Antwort zählen. Schon deshalb sind diese fünf Bände nicht nur für die Forschung interessant: Aus den Mosaiksteinen der Briefregesten, die stets ein Zitat enthalten und die erwähnten Orte, Personen und Werke aufführen (in den Registern mustergültig erschlossen), entsteht ein Lebensbild, das zu lesen ist wie eine großangelegte biographische Montage.

Allenfalls eine „schonend-pietätvolle Auswahl“ seiner Briefe konnte sich Thomas Mann vorstellen, „denn ich habe beim Briefeschreiben nicht viel achtgegeben auf mich und die Umwelt und bin mir dunkel bewußt, viel Unsinn geschrieben zu haben“. Koketterie. Der Epiker und Erzähler war auch in seinen Briefen hervorragender Stilist und wußte es. Zwar schrieb er 1950 an Max Brod, von Kafka schnell auf sein eigenes Werk kommend: „Meinen Sie, mir sei der Gedanke fremd, daß es besser wäre, wenn mit dieser fehlbaren Person auch die ganze fehlbare Schreiberei zurückgenommen und vernichtet würde?“ Doch beeilte er sich hinzuzufügen, daß die Spur eine Weile bleiben solle. „Verewigungsdrang war es doch schließlich, was uns das Unsere tun ließ, gewiß auch in seinem Fall...“ Thomas Mann, der sich – in einem früheren Brief an Brod – einen „bis zur Selbstzersetzung bescheidenen und ungläubigen Menschen“ nannte, hätte an diesen fünf erstaunlichen Bänden seine Freude gehabt. Zu bedauern ist der prohibitive Preis dieses Werkes.

vhg.

  • Die Briefe Thomas Manns

Regesten und Register; herausgegeben von Hans Bürgin und Hans-Otto Mayer, ergänzt von Gert Heine und Yvonne Schmidlin; S. Fischer Verlag, Frankfurt 1977-1987; Band 1: 760 S., 360,– DM; Band 2: 803 S., 360,– DM; Band 3: 846 S., 360,– DM; Band 4/5: zus. 1362 S., 900,– DM